Das Surfbrett lag schräg im Sand, als ich sie zum ersten Mal sah. Nicht das Brett — sie. Cosima. Ihr Lachen trug der Wind von der Strandbar zu mir rüber, hell und rauchig gleichzeitig, und irgendwas in mir wurde wach. Sie saß auf einem der hohen Barhocker, ein Glas mit irgendwas Orangefarbenem in der Hand, und redete auf den Barkeeper ein, als wären sie alte Freunde. Dabei war sie bestimmt genauso neu hier wie ich. Nur war sie allein — und ich war mit meiner Frau da.
Clara schlief im Bungalow. Mittagshitze und zu viel Wein beim Frühstück. Sie hatte gemeint, ich soll ruhig runter zum Strand, sie würde später nachkommen. Würde sie aber nicht. Das wusste ich. Das wussten wir beide. Nach zwölf Jahren Ehe kannte man solche Codes.
Ich lehnte mein Brett gegen einen der Palmenständer und ging zur Bar. Eigentlich wollte ich nur ein Wasser. Aber als ich neben Cosima stand — ich wusste ihren Namen da noch nicht —, bestellte ich mir ein Bier. Sie drehte sich zu mir, musterte mich mit einem Blick, der gleichzeitig neugierig und amüsiert war.
„Surfen ist anstrengender, als es aussieht, oder?“
Ihre Stimme war rau. Nicht unangenehm. So wie jemand, der nachts zu lange aufbleibt und zu viel lebt.
„Ich hab mehr Wasser geschluckt als Wellen erwischt“, gab ich zu.
Sie lachte. „Ich hab dich gesehen. Du warst süß, wie du da mit dem Brett gekämpft hast.“
„Danke. Genau das Kompliment, das mein Ego jetzt brauchte.“
Wieder dieses Lachen. Der Barkeeper stellte mein Bier hin. Cosima trank einen Schluck aus ihrem Glas, und ich sah, wie ihre Lippen feucht glänzten. Sie trug einen schwarzen Bikini und darüber eine dieser transparenten Bluse, die eigentlich nichts verbergen. Ihr Körper war nicht perfekt — ein bisschen zu weich an den Hüften, Dehnungsstreifen am Bauch —, aber genau das machte sie interessant. Real.

„Bist du allein hier?“, fragte sie.
Ich hätte lügen können. Hätte sagen können: Ja, bin ich. Stattdessen schüttelte ich den Kopf. „Mit meiner Frau. Sie schläft gerade.“
„Aha.“ Sie nickte langsam. „Ich bin auch nicht allein. Mein Mann ist beim Tauchen. Findet Fische spannender als mich.“
Ich musste grinsen. „Kann ich mir kaum vorstellen.“
„Oh doch.“ Sie stellte ihr Glas ab, drehte sich komplett zu mir. „Nach fünfzehn Jahren wird man wohl unsichtbar. Oder austauschbar. Bin mir noch nicht sicher, was schlimmer ist.“
Es war so direkt, so ehrlich, dass ich kurz nicht wusste, was ich sagen sollte. Sie zog eine Augenbraue hoch.
„Zu viel Information?“
„Nein. Nur … unerwartet.“
„Ich bin im Urlaub. Da ist man ehrlich. Oder betrunken. Manchmal beides.“
Wir tranken schweigend. Die Sonne brannte, die Musik aus den Boxen war irgendein Reggae-Remix, und um uns herum lachten Leute, die entspannt waren. Wirklich entspannt. Nicht nur so tun als ob, wie ich die letzten Tage.
„Wie heißt du?“
„Jonas.“
„Cosima.“ Sie streckte mir die Hand hin. Ihre Handfläche war warm und ein bisschen feucht vom Kondenswasser ihres Glases. „Freut mich, Jonas.“
„Mich auch.“
Und ich meinte es. Mehr als ich sollte.
Wir redeten über alles Mögliche. Über den Strand, über unsere Jobs — sie arbeitete in irgendeiner Werbeagentur, ich im Controlling einer Versicherung —, über die besten Cocktails und die schlechtesten Urlaubsandenken. Nach dem zweiten Bier und ihrem dritten Drink erzählte sie mir von ihrem Mann. Konstantin. Er war Anwalt, immer beschäftigt, immer wichtig. Sie sagte das ohne Bitterkeit, nur mit einer Art müder Resignation.
„Und deine Frau?“
„Clara.“ Ich zögerte. „Sie ist … anders als früher. Wir beide sind anders. Ist wohl normal.“
„Normal ist das neue langweilig“, sagte Cosima. Ihr Blick war plötzlich intensiver. „Weißt du, was ich manchmal vermisse? Dieses Kribbeln. Diese Unsicherheit. Wenn man noch nicht weiß, ob der andere einen auch will.“
Mein Herz klopfte schneller. „Ja. Das kenne ich.“
„Fühlst du es gerade?“
Ich trank einen Schluck. „Was?“
„Das Kribbeln.“
Ich sah sie an. Ihre grünen Augen, die kleinen Sommersprossen auf ihrer Nase, die Art, wie sie den Kopf leicht schräg hielt. „Ja.“
„Gut.“ Sie lächelte. „Ich auch.“

Eine Weile sagten wir nichts. Die Wellen rauschten, ein paar Kinder schrien spielerisch im Wasser, und ich spürte, wie sich etwas zwischen uns aufbaute. Etwas Verbotenes und gleichzeitig völlig Natürliches.
„Hast du Lust, ein Stück zu laufen?“, fragte sie. „Weiter den Strand entlang. Da wird’s ruhiger.“
Ich nickte. Wir zahlten und gingen los. Der Sand war heiß unter meinen Füßen, aber ich merkte es kaum. Cosima lief neben mir, ihre Hüften schwangen leicht, und ich konnte den Blick nicht von ihr lassen. Nach ein paar hundert Metern wurde der Strand tatsächlich leerer. Nur noch ein paar vereinzelte Paare, die unter Strandtüchern lagen und sich leise unterhielten.
„Hier“, sagte Cosima und deutete auf eine kleine Bucht, halb verborgen hinter einem Felsvorsprung. Wir kletterten rüber, und plötzlich waren wir allein. Das Meer glitzerte türkis, und die Stille war fast unwirklich.
„Schön hier“, sagte ich.
„Ja.“ Sie setzte sich auf einen flachen Stein, zog die Beine an. „Weißt du, was Konstantin und ich manchmal machen?“
Ich setzte mich neben sie. „Was?“
„Wir reden darüber. Über andere. Über die Fantasie, mit anderen zu schlafen.“
Mein Atem stockte. „Ernsthaft?“
„Ja.“ Sie sah mich an. „Macht dich das nervös?“
„Ein bisschen.“
„Sollte es nicht. Es ist nur ehrlich. Wir sind zusammen, aber wir sind nicht tot.“
Ich musste schlucken. „Und … habt ihr es schon mal gemacht? Mit anderen?“
„Ein paarmal. Nicht oft. Aber wenn, dann zusammen. Das ist die Regel.“
„Zusammen“, wiederholte ich.
„Ja. Wir schauen zu. Oder machen mit.“ Sie lächelte. „Klingt verrückt, oder?“
„Nein. Ehrlich gesagt nicht.“
„Clara und du …?“
„Wir haben mal drüber geredet. Vor Jahren. Aber nie wirklich ernst gemeint.“ Ich zögerte. „Glaube ich.“
Cosima stand auf, zog ihre Bluse aus und warf sie auf den Stein. „Komm, lass uns schwimmen.“
Sie lief ins Wasser, und ich folgte ihr. Das Meer war kühl und salzig, und als ich neben ihr auftauchte, lachte sie wieder. Ihr Haar klebte an ihrem Gesicht, und ihre Augen funkelten.
„Du bist schön“, sagte ich, bevor ich darüber nachdenken konnte.
„Du auch.“ Sie kam näher. Unsere Körper waren nur noch Zentimeter voneinander entfernt. „Darf ich dich küssen?“

Ich nickte. Ihr Mund war weich und schmeckte nach Rum und Limette. Ihre Zunge fand meine, vorsichtig erst, dann fordernder. Ich spürte ihre Brüste an meiner Brust, ihre Beine, die sich um meine schlingen wollten. Mein Schwanz wurde hart, und sie musste es gemerkt haben, denn sie lachte leise in den Kuss hinein.
„Jemand ist interessiert.“
„Kann ich schlecht verbergen.“
„Sollst du auch nicht.“ Ihre Hand glitt unter Wasser nach unten, strich über meinen Bauch, tiefer. Als sie mich durch die Badehose berührte, stöhnte ich unwillkürlich auf.
„Cosima …“
„Schsch.“ Sie küsste meinen Hals, biss leicht in meine Schulter. „Niemand sieht uns.“
Sie schob ihre Hand in meine Hose, umfasste mich fest. Ihr Griff war bestimmt, wusste, was er tat. Ich schloss die Augen, spürte, wie sie mich langsam auf und ab streichelte. Das Wasser schwappte um uns herum, und für einen Moment war alles andere egal. Clara, Konstantin, die Vernunft — alles verschwand.
Ich zog sie enger zu mir, küsste sie wieder, härter diesmal. Meine Hand wanderte zu ihrem Bikinioberteil, schob es zur Seite. Ihre Brüste füllten meine Handflächen perfekt aus, die Brustwarzen hart gegen meine Finger. Sie keuchte leise, und ihre Hand bewegte sich schneller.
„Ich will dich“, flüsterte sie. „Jetzt. Hier.“
Ich hätte Nein sagen sollen. Hätte an Clara denken sollen. Stattdessen schob ich ihre Bikinihose zur Seite, spürte, wie nass sie war. Nicht nur vom Wasser. Sie hob ein Bein, schlang es um meine Hüfte, und ich drang in sie ein. Langsam, fast vorsichtig. Sie war eng und warm, und ihr Stöhnen trieb mich fast in den Wahnsinn.
„Ja“, hauchte sie. „Genau so.“
Ich bewegte mich in ihr, langsam erst, dann rhythmischer. Das Wasser machte es schwieriger, aber gleichzeitig intensiver. Jede Bewegung war überlegt, jeder Stoß bewusst. Ihre Fingernägel gruben sich in meinen Rücken, und ich spürte, wie sie sich an mir festklammerte.
„Jonas“, keuchte sie. „Ich komme gleich.“
Ich küsste sie, hart und fordernd, und als sie kam, zitterte ihr ganzer Körper. Ihr Stöhnen war laut, zu laut vielleicht, aber es war mir egal. Ich folgte ihr wenige Sekunden später, spürte, wie ich mich in ihr ergoss, und für einen Moment war die Welt perfekt.

Wir hielten uns aneinander fest, keuchend, lachend. Das Wasser kühlte uns langsam ab, und die Realität kam zurück. Aber nicht sofort. Noch nicht.
„Das war …“, fing ich an.
„Ich weiß.“ Sie küsste mich sanft. „Danke.“
Wir schwammen zurück zum Strand, zogen uns schweigend an. Als wir wieder an der Bar ankamen, sah ich Clara. Sie stand am Rand der Terrasse, suchte offenbar nach mir. Ich erstarrte.
„Ist das sie?“, fragte Cosima leise.
„Ja.“
„Sie ist hübsch.“
Ich sah Cosima an. „Bereust du es?“
„Nein. Du?“
Ich dachte nach. An die Geschichten, die ich mal gelesen hatte, an die Fantasien, die Clara und ich nie zu Ende gesprochen hatten. An das Kribbeln, das ich gerade erst wiederentdeckt hatte.
„Nein“, sagte ich schließlich. „Aber ich weiß nicht, wie es weitergeht.“
„Muss es denn weitergehen?“ Cosima lächelte. „Vielleicht war es genau das, was es sein sollte. Ein Moment. Perfekt und flüchtig.“
Sie drückte meine Hand kurz, dann drehte sie sich um und ging. Ich sah ihr nach, wie sie zwischen den Palmen verschwand, und spürte gleichzeitig Erleichterung und Enttäuschung.
Clara winkte mir zu, und ich ging zu ihr. Sie lächelte, küsste mich auf die Wange. „Warst du schwimmen? Du bist ganz nass.“
„Ja“, sagte ich. „Es war … erfrischend.“
Sie hakte sich bei mir unter. „Komm, lass uns was essen. Ich hab Hunger.“
Wir gingen zurück zum Bungalow. Und während wir liefen, dachte ich an Cosimas Lachen, an ihr Stöhnen im Wasser, an die Art, wie sie mich angesehen hatte. Und ich fragte mich, ob Clara jemals etwas ähnliches erlebt hatte. Ob sie am Strand unter dem Sternenhimmel auch schon einmal diese Sehnsucht gespürt hatte.

Am Abend saßen wir auf der Terrasse. Clara trank Wein, ich Bier. Sie erzählte von ihrem Nachmittag, von den Träumen, die sie gehabt hatte. Und irgendwann, ganz beiläufig, sagte sie: „Weißt du, manchmal denke ich, wir sollten mehr wagen.“
„Was meinst du?“
„Einfach … mehr leben. Mehr fühlen. Wie früher, aber anders.“
Ich sah sie an. „Zum Beispiel?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Vielleicht sollten wir einfach mal offen sein. Für Neues. Für Überraschungen.“
Mein Herz klopfte schneller. „Meinst du das ernst?“
„Vielleicht.“ Sie lächelte, und in ihrem Blick lag etwas, das ich lange nicht mehr gesehen hatte. „Würde es dich interessieren?“
Ich dachte an Cosima. An das Wasser, an ihr Lachen, an ihre Haut. Und dann dachte ich an Clara, an alles, was wir hatten, und an alles, was wir noch entdecken könnten.
„Ja“, sagte ich leise. „Ich glaube schon.“
Sie nickte, trank einen Schluck. „Dann sollten wir darüber reden. Richtig reden. Ohne Angst.“
„Einverstanden.“
Und während die Sonne unterging und der Himmel sich rosa und orange färbte, spürte ich, wie sich etwas in mir veränderte. Etwas Neues begann. Nicht sofort, nicht laut. Aber es war da. Und es würde nicht mehr verschwinden.
Das Surfbrett lehnte noch immer gegen die Palme. Morgen würde ich es wieder versuchen. Vielleicht würde ich diesmal tatsächlich eine Welle erwischen. Oder vielleicht würde ich wieder nur kämpfen und scheitern. Aber das war okay. Denn manchmal ging es nicht ums Gewinnen. Sondern darum, sich zu trauen.
Und das hatte ich heute getan. Mit Cosima. Mit Clara. Mit mir selbst. Wie in den besten Geschichten über reife Frauen, die wissen, was sie wollen und sich endlich trauen, es zu nehmen — oder in meinem Fall, es endlich zuzulassen. Dieser Urlaub war erst zur Hälfte vorbei. Und ich ahnte, dass die zweite Hälfte noch viel spannender werden würde.
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Ich bin eine leidenschaftliche Geschichtenerzählerin und Wortakrobatin. Meine Reise als Autorin begann in meiner Kindheit, umgeben von Büchern und inspiriert von den unzähligen Welten, die sie enthüllten. Meine Werke sind ein Spiegelbild meiner Fantasie – eine Mischung aus Realität und Traumwelt, in der die Charaktere zum Leben erwachen und Leser auf eine emotionale Achterbahn mitnehmen.