Das Fitnessstudio war um diese Uhrzeit praktisch leer. Halb acht am Abend, die Bürokrieger längst zu Hause, die Morgensportler noch nicht wieder da. Ich lag auf der Hantelbank und versuchte, mich auf meine Sätze zu konzentrieren, aber meine Gedanken waren woanders. Bei ihm.
Marwin Schäfer. Mein ehemaliger Schüler.
Vor drei Jahren hatte ich ihn in Deutsch unterrichtet, elftes Jahr, ein schmaler Junge mit zu langen Haaren und dieser Art zu lächeln, die mir unter die Haut ging. Damals durfte ich nicht einmal daran denken. Ich war sein Lehrer, er war siebzehn, und es gab Grenzen, die ich niemals überschreiten würde. Also behielt ich meine Gedanken für mich, benotete seine Aufsätze streng und fair, und als er Abitur machte und die Schule verließ, dachte ich, es wäre vorbei.
Aber das Universum hatte andere Pläne.
Vor drei Wochen war er hier aufgetaucht. Zwanzig Jahre alt inzwischen, Student an der Uni, und die schmalen Schultern von damals waren breiter geworden. Er hatte mich sofort erkannt, war auf mich zugekommen mit diesem Grinsen, das sich kein bisschen verändert hatte.
„Herr Vanderberg? Krass, dass Sie hier trainieren!“
Ich hatte gespürt, wie mein Herz schneller schlug. „Marwin. Ist schon ’ne Weile her.“
„Drei Jahre.“ Seine Augen hatten mich gemustert, langsam, zu langsam für Zufall. „Sie sehen gut aus.“
Seit diesem Tag trafen wir uns regelmäßig hier. Nie verabredet, aber irgendwie immer zur gleichen Zeit. Wir trainierten nebeneinander, wechselten ein paar Worte, und die Spannung zwischen uns wurde mit jedem Tag dichter.
Heute war er spät dran. Ich war schon fast fertig mit meinem Training, als die Tür aufging und er hereinkam. Nasses Haar, Regentropfen auf seiner Jacke. Sein Blick suchte den Raum ab, fand mich, und etwas in seinem Lächeln war anders.

„Hey.“ Er kam näher, ließ seine Tasche neben meiner Bank fallen.
„Hey.“ Ich setzte mich auf, griff nach meinem Handtuch. Mein Herz hämmerte.
„Letzte Einheit für heute?“ Seine Stimme klang beiläufig, aber seine Augen waren es nicht.
„Eigentlich schon.“
Er nickte langsam. Dann, ganz unvermittelt: „Wissen Sie noch, damals in der Schule? Nach der letzten Stunde vor den Sommerferien?“
Ich erstarrte. Natürlich wusste ich es noch. Wie hätte ich es vergessen können? Er war als Letzter im Klassenzimmer geblieben, hatte mir beim Aufräumen geholfen, und in einem unbeobachteten Moment hatte er mich angesehen – wirklich angesehen –, und ich hatte gewusst, dass ich nicht der Einzige war, der fühlte, was zwischen uns war.
„Ich erinnere mich.“
„Sie sind einfach gegangen.“ Es klang nicht vorwurfsvoll. Nur feststellend.
„Du warst siebzehn, Marwin.“
„Ich weiß.“ Er trat einen Schritt näher. „Ich bin jetzt zwanzig.“
Die Worte hingen zwischen uns, schwer und bedeutungsschwanger. Ich spürte, wie sich etwas in mir löste, eine Spannung, die ich drei Jahre lang festgehalten hatte.
„Die anderen sind alle weg“, sagte er leise. „Wir sind allein hier.“
Mein Verstand sagte mir, dass das gefährlich war. Dass das immer noch problematisch sein könnte, ethisch zumindest. Aber mein Körper hörte nicht auf meinen Verstand. Nicht mehr.
„Was willst du, Marwin?“
Er lächelte, und diesmal war es nicht das Jungengrinsen von früher. Es war das Lächeln eines Mannes, der genau wusste, was er wollte.
„Das, was ich damals schon wollte.“
Er beugte sich vor, langsam genug, dass ich hätte zurückweichen können. Aber ich wich nicht zurück. Seine Lippen berührten meine, vorsichtig, fragend, und als ich nicht protestierte, wurde der Kuss fester. Seine Hand legte sich in meinen Nacken, und ich öffnete meinen Mund unter seinem, spürte seine Zunge, die sich gegen meine schob.

Verdammt, er schmeckte genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Und ich hatte es mir oft vorgestellt, öfter, als ich zugeben wollte.
Wir lösten uns voneinander, beide außer Atem. Seine Augen waren dunkel vor Verlangen.
„Ich hab mir das Nachsitzen mit Ihnen immer anders vorgestellt“, murmelte er, und ich musste trotz allem lachen.
„Nachsitzen habe ich dir nie gegeben.“
„Hätten Sie aber können.“ Seine Hand wanderte über meine Brust, fühlte die verschwitzten Muskeln unter dem Shirt. „Hätte ich gern gehabt.“
Die Situation war so surreal, dass sie fast komisch war. Fast. Aber das Verlangen, das durch meine Adern pulsierte, war alles andere als lustig. Es war intensiv, brennend, und es wollte nicht mehr unterdrückt werden. Nicht wie damals in der Schule nach dem Elternsprechtag, als ich meine Gedanken noch kontrollieren konnte.
„Marwin, das ist—“
„—was wir beide wollen.“ Er unterbrach mich, küsste mich wieder, diesmal fordernder. Seine Hände zogen an meinem Shirt, und ich half ihm, es über meinen Kopf zu ziehen. Die kühle Luft auf meiner heißen Haut ließ mich erschauern.
Seine Lippen wanderten meinen Hals hinab, setzten sich in meinem Nacken fest, saugten leicht. Ich würde nachher Spuren haben. Der Gedanke sollte mich beunruhigen, tat es aber nicht.
„Du hast keine Ahnung“, keuchte ich, während seine Zähne sanft in meine Haut bissen, „wie oft ich mir das vorgestellt habe.“
„Doch. Hab ich.“ Er hob den Kopf, sah mich an. „Ich hab gesehen, wie Sie mich manchmal angesehen haben. Im Unterricht. In der Pause. Sie dachten, ich hätte es nicht bemerkt.“
Meine Hände fanden seinen Rücken, zogen ihn näher. Ich wollte ihn spüren, ganz und gar, ohne Barrieren. Seine Härte presste sich gegen meinen Oberschenkel, und ich stöhnte unwillkürlich.
„Hier?“, fragte ich atemlos. „Wirklich hier?“
„Wo sonst?“ Er grinste, während seine Hand über meinen Bauch nach unten wanderte, die Finger unter den Bund meiner Trainingshose schob. „Ist doch passend, oder? Da, wo wir uns wiedergetroffen haben.“
Ich konnte nicht widersprechen. Konnte überhaupt nicht mehr klar denken. Seine Hand umschloss mich, und ich schloss die Augen, ließ den Kopf zurückfallen.

„Scheiße“, presste ich hervor.
„Sprache, Herr Lehrer“, neckte er, aber seine Stimme zitterte genauso wie meine.
Ich öffnete die Augen, fixierte ihn. „Wenn wir das machen“, sagte ich, „dann richtig.“
„Worauf warten Sie noch?“
Ich drehte uns um, drückte ihn gegen die Wand neben der Hantelbank. Seine Überraschung wich schnell einem zufriedenen Lächeln. Meine Hände arbeiteten an seiner Hose, während er mir half, bis wir beide nur noch in Boxershorts dastanden.
Die Situation hatte etwas seltsam Vertrautes. Als würden wir etwas fortsetzen, das vor drei Jahren angefangen, aber nie vollendet worden war. Seine Haut unter meinen Händen fühlte sich richtig an, und als ich ihn küsste, schmeckte er nach Möglichkeiten, die ich zu lange ignoriert hatte.
„Ich hab was dabei“, flüsterte er gegen meinen Mund. Er zog ein kleines Päckchen aus seiner Jackentasche. Kondome. „Falls Sie… falls du—“
„Du hast das geplant.“ Es war keine Frage.
„Erhofft.“ Er sah mich an, plötzlich wieder unsicher, jünger. „Ist das okay?“
Statt zu antworten, nahm ich ihm das Päckchen ab. Meine Antwort würde deutlich genug sein.
Es war eng in dem kleinen Raum zwischen Hantelbank und Wand, aber das machte es nur intensiver. Jede Bewegung brachte uns näher zusammen, jeder Atemzug mischte sich mit dem des anderen. Ich hatte vergessen, wie elektrisierend das sein konnte – nicht nur der körperliche Akt, sondern die Intimität dahinter, das Vertrauen, das Loslassen.
Marwin war empfänglicher, als ich erwartet hatte. Als ich in ihn eindrang, warf er den Kopf zurück, stöhnte leise, und seine Finger krallten sich in meine Schultern.
„Okay?“, fragte ich, bewegte mich noch nicht.
„Mehr als okay“, presste er hervor. „Beweg dich, verdammt.“
Ich gehorchte. Langsam zuerst, dann schneller, als sich seine Muskeln an mich gewöhnten. Der Rhythmus fand sich von selbst, alt und neu zugleich. Die Geräusche, die er machte, trieben mich fast in den Wahnsinn – kleine, unterdrückte Laute, die zeigten, wie sehr er das hier wollte.
„Immer“, keuchte er zwischen zwei Stößen, „immer hab ich mir das vorgestellt. Im Unterricht. Wenn Sie an meinem Tisch standen. Wenn Sie mich nach vorn gerufen haben.“
„Du kleiner Perversling“, murmelte ich, aber meine Stimme klang liebevoll.
„Sie auch.“ Er lachte atemlos. „Sie waren doch nicht besser.“
Er hatte recht. Natürlich hatte er recht.
Die Intensität steigerte sich, wurde fast unerträglich. Meine Hand fand sein Glied, umschloss es, bewegte sich im Takt unserer Körper. Er stöhnte lauter jetzt, weniger kontrolliert, und ich spürte, wie nah er war.
„Komm für mich“, flüsterte ich in sein Ohr. „Zeig mir, wie lange du darauf gewartet hast.“
Das reichte. Er kam mit einem erstickten Aufschrei, seinen ganzen Körper anspannend, und die Art, wie er sich um mich zusammenzog, riss mich mit. Ich ergoss mich in ihm, hielt ihn fest, als würde er sonst verschwinden.

Wir blieben so stehen, beide zitternd, schweißgebadet, bis unsere Atmung sich wieder normalisierte. Als ich mich aus ihm zurückzog, zuckte er leicht zusammen.
„Sorry“, murmelte ich.
„Bist du nicht.“ Er drehte sich um, küsste mich sanft. „Und ich auch nicht.“
Wir zogen uns langsam wieder an, die Stille zwischen uns jetzt angenehm statt angespannt. Die ganze Situation hatte etwas Unwirkliches – als hätte sich ein Traum, den ich nicht zu träumen gewagt hatte, plötzlich manifestiert.
„Was jetzt?“, fragte er schließlich, während er seine Schuhe schnürte.
Ich lehnte mich gegen die Wand, betrachtete ihn. „Keine Ahnung. Das hier ist… kompliziert.“
„Muss es nicht sein.“ Er stand auf, kam zu mir. „Du bist nicht mehr mein Lehrer. Ich bin kein Schüler mehr. Wir sind zwei erwachsene Männer, die sich mögen.“
„Mögen?“ Ich hob eine Augenbraue.
Er grinste. „Okay, mehr als mögen. Ich hab dich drei Jahre lang nicht vergessen, Jaron. Das bedeutet was.“
Jaron. Er hatte meinen Vornamen benutzt. Das fühlte sich seltsam an, aber auch richtig.
„Ich dich auch nicht“, gab ich zu.
„Also?“ Er verschränkte die Arme, wartete.
Ich dachte an die Geschichten, die man über solche Begegnungen hörte, über Lehrer und ehemalige Schüler, über Grenzen und Tabus. Aber Marwin hatte recht – wir waren beide erwachsen. Die einzige Grenze, die noch existierte, war die in meinem Kopf.
„Also“, sagte ich schließlich, „vielleicht könnten wir das wiederholen. Nicht hier im Fitnessstudio, sondern bei mir zu Hause. Wo wir Zeit haben. Und ein richtiges Bett.“
Sein Lächeln war Antwort genug.

Wir verließen das Studio zusammen, Marwins Hand für einen kurzen Moment in meiner, bevor wir auf die Straße traten. Der Regen hatte aufgehört, und die Luft roch frisch und neu.
„Morgen Abend?“, fragte er.
„Morgen Abend.“
Er ging in die eine Richtung, ich in die andere. Aber als ich mich nach ein paar Metern umdrehte, stand er noch da, sah mir nach. Und ich wusste, dass das hier erst der Anfang war. Von was genau, konnte ich noch nicht sagen. Aber zum ersten Mal seit langem fühlte es sich gut an, nicht alles zu wissen.
Manchmal sind die besten Geschichten die, die man nie geplant hat. Die sich einfach ergeben, wenn man endlich aufhört, gegen das zu kämpfen, was man wirklich will. Und was ich wollte, das hatte ich gerade auf einer verdammten Hantelbank im Fitnessstudio bekommen.
Das Leben konnte manchmal überraschend einfach sein.
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Ich bin eine leidenschaftliche Geschichtenerzählerin und Wortakrobatin. Meine Reise als Autorin begann in meiner Kindheit, umgeben von Büchern und inspiriert von den unzähligen Welten, die sie enthüllten. Meine Werke sind ein Spiegelbild meiner Fantasie – eine Mischung aus Realität und Traumwelt, in der die Charaktere zum Leben erwachen und Leser auf eine emotionale Achterbahn mitnehmen.