Die Karteikarte lag da, als hätte sie jemand absichtlich liegen lassen. Cremefarbenes Papier, vergilbt an den Rändern, mit einer handschriftlichen Notiz darauf, die ich nicht sofort entziffern konnte. Ich stand im Archivraum der Universitätsbibliothek, zwischen Regalen voller vergessener Dissertationen und Kataloge, die niemand mehr anfasste. Hier unten kam selten jemand vorbei. Hier unten war ich meistens allein.
Aber heute nicht.
„Haben Sie das gefunden?“
Ihre Stimme kam von hinten. Ich zuckte zusammen, ließ die Karte fast fallen. Als ich mich umdrehte, stand sie da – Mira Vellenberg, meine Chefin, die Leiterin der Sondersammlungen. Schwarzer Bleistiftrock, weiße Bluse, die obersten Knöpfe offen. Ihr dunkles Haar hatte sie heute hochgesteckt, aber ein paar Strähnen hatten sich gelöst und fielen ihr in die Schläfen.
„Ich… ja“, stammelte ich. „Sie lag einfach hier auf dem Regal.“
Sie kam näher. Ihre Schritte hallten auf dem Betonboden. „Zeigen Sie her.“

Ich reichte ihr die Karte. Unsere Finger berührten sich kurz, und ich spürte, wie sich etwas in meinem Bauch zusammenzog. Sie roch nach Papier und einem herben Parfüm, das ich nicht benennen konnte.
„Interessant.“ Sie las die Notiz, und ein kleines Lächeln spielte um ihre Lippen. „Wissen Sie, was das ist?“
„Nein.“
„Eine Anweisung.“ Sie sah mich an. Ihre Augen waren dunkel, fast schwarz. „Aus einer Zeit, in der Bibliotheken noch andere Funktionen hatten. Wollen Sie wissen, welche?“
Ich nickte. Mein Mund war trockengeworden.
„Treffpunkte.“ Sie trat noch näher. „Für Leute, die sich nicht öffentlich treffen durften. Die diskret sein mussten.“ Ihre Fingerspitze glitt über die Karteikarte. „Hier steht: ‚Archivraum, dritte Regalreihe, nach Schließung. Warte auf Anweisung.'“
„Das ist…“ Ich suchte nach Worten.
„Aufregend?“ Sie legte die Karte ab. „Oder einschüchternd?“
„Beides.“
Ihr Lächeln wurde breiter. „Gut. Dann haben Sie verstanden.“ Sie ging an mir vorbei, ihre Schulter streifte meine. „Warten Sie hier.“

„Was?“
„Ich habe gesagt: Warten Sie hier.“ Sie drehte sich um. „Das ist eine Anweisung, Lennart. Ich erwarte, dass Sie sie befolgen.“
Dann war sie weg. Ihre Schritte entfernten sich, dann hörte ich die Tür des Archivraums ins Schloss fallen. Das Klicken des Riegels.
Sie hatte abgeschlossen. Von außen.
Ich stand da, zwischen den Regalen, und mein Herz hämmerte. Was sollte das? War das ein Test? Eine Drohung? Oder… etwas anderes?
Die Minuten zogen sich. Ich versuchte, mich zu beruhigen, aber meine Gedanken rasten. Mira war immer rätselhaft gewesen, seit ich vor sechs Monaten hier angefangen hatte. Streng, aber fair. Distanziert, aber nicht kalt. Manchmal hatte ich ihren Blick gespürt, wenn ich an meinem Schreibtisch saß – lang, prüfend, als würde sie etwas abwägen.
Ich hatte mir nichts dabei gedacht. Bis jetzt.
Die Tür öffnete sich wieder. Sie kam zurück, aber sie war nicht allein. Sie trug etwas in der Hand – ein altes Buch, ledergebunden, mit Goldprägung. Sie legte es auf den kleinen Tisch neben der Leiter.
„Kommen Sie her.“
Ich gehorchte. Meine Beine fühlten sich unsicher an.
„Haben Sie schon mal etwas von verbotenen Sammlungen gehört?“ Ihre Stimme war leiser jetzt, fast ein Flüstern.
„Verbotene…?“
„Bücher, die man nicht ausleihen kann. Die man nicht mal katalogisiert.“ Sie schlug das Buch auf. Die Seiten waren vergilbt, die Schrift altmodisch. Und die Illustrationen…
Ich schluckte.
„Erotische Literatur aus dem 18. Jahrhundert“, sagte sie. „Instruktionen, wenn Sie so wollen. Für Leute, die mehr wollten als nur… lesen.“
Ihre Hand lag auf der aufgeschlagenen Seite. Eine Zeichnung, detailliert und eindeutig. Ich konnte meinen Blick nicht abwenden.
„Sehen Sie“, sagte sie, „früher waren Bibliotheken Orte der Geheimnisse. Nicht nur von Wissen. Von… Begegnungen.“ Sie sah zu mir auf. „Verstehen Sie, was ich meine?“
„Ich glaube schon.“
„Nur glauben?“ Ihr Ton wurde schärfer. „Ich brauche keine Vermutungen, Lennart. Ich brauche Klarheit.“
„Ja“, sagte ich. Meine Stimme klang rau. „Ja, ich verstehe.“
„Gut.“ Sie richtete sich auf. „Dann ziehen Sie Ihr Hemd aus.“
Ich starrte sie an.
„Das war keine Bitte.“ Ihr Blick war fest, unerbittlich. „Tun Sie es.“

Meine Hände zitterten, als ich die Knöpfe öffnete. Das Hemd fiel zu Boden. Die Luft im Archivraum war kühl, aber meine Haut brannte.
Sie trat näher, so nah, dass ich ihren Atem spüren konnte. Ihre Fingerspitzen glitten über meine Brust, langsam, erkundend. „Sie sind nervös.“
„Ja.“
„Das gefällt mir.“ Ihre Nägel kratzten leicht über meine Haut. „Aber Sie müssen lernen, sich zu beherrschen. Können Sie das?“
„Ich… ich versuche es.“
„Versuchen reicht nicht.“ Sie packte mein Kinn, zwang mich, sie anzusehen. „Entweder Sie können es, oder Sie können es nicht. Was ist es?“
„Ich kann es.“
„Beweisen Sie es.“ Sie ließ mich los, trat zurück. „Auf die Knie.“
Ich sank hinunter. Der Beton war hart und kalt unter meinen Knien. Sie stand vor mir, unnahbar, mächtig. Ihre Hand glitt in mein Haar, festigte ihren Griff.
„Sie wissen, dass niemand hier runterkommt“, sagte sie. „Niemand wird uns stören. Das bedeutet, ich kann mit Ihnen machen, was ich will.“ Sie zog meinen Kopf nach hinten. „Und Sie werden es genießen. Verstanden?“
„Ja.“
„Ja, was?“
„Ja, Mira.“
Sie lächelte. „Besser.“ Ihre andere Hand öffnete den Reißverschluss ihres Rocks. Er glitt zu Boden. Darunter trug sie schwarze Spitze, hauchdünn, und nichts sonst.
„Komm näher“, befahl sie.
Ich gehorchte. Meine Lippen fanden ihre Haut, warm und weich. Sie schmeckte nach Salz und etwas Süßem, Undefinierbarem. Ihre Hand in meinem Haar lenkte mich, führte mich, und ich folgte ihren stummen Anweisungen. Jedes Stöhnen, das aus ihrer Kehle kam, war eine Belohnung.
„Mehr“, flüsterte sie. „Tiefer.“
Ich verlor mich in ihr. Die Welt schrumpfte auf diesen Moment, diesen Ort. Ihr Atem wurde schneller, ihre Finger verkrampften sich in meinem Haar, und dann zitterte sie, hielt mich fest, presste mich gegen sich.
Als sie mich losließ, war ich benommen.
„Steh auf.“
Ich erhob mich. Meine Knie schmerzten, aber das war mir egal.
Sie zog ihre Bluse aus, ließ sie fallen. Ihr BH folgte. Sie war atemberaubend – schlank, aber kurvig, mit Haut wie Elfenbein. Sie setzte sich auf den Tisch, lehnte sich zurück.

„Jetzt du“, sagte sie. „Zeig mir, was du willst.“
Ich trat zwischen ihre Beine. Meine Hände glitten über ihre Schenkel, spürten, wie sie sich unter meiner Berührung anspannten. Sie hob ihr Becken, und ich zog ihr die Spitze herunter, langsam, genießend.
Als ich in sie eindrang, schloss sie die Augen. Ihr Stöhnen hallte durch den leeren Raum. Ich bewegte mich langsam, dann schneller, getrieben von einem Hunger, den ich nicht kontrollieren konnte. Sie krallte sich in meine Schultern, zog mich näher, und ich spürte, wie sie sich um mich herum zusammenzog.
„Nicht aufhören“, keuchte sie. „Nicht jetzt.“
Ich hatte nicht vor, aufzuhören. Jeder Stoß war intensiver als der vorherige, jeder Atemzug ein Kampf. Sie biss mir in die Schulter, und der Schmerz machte alles nur noch schärfer. Als sie kam, riss sie mich mit sich, und ich verlor mich völlig in diesem Moment zwischen den Regalen, zwischen den vergessenen Büchern und Geheimnissen.
Wir blieben so liegen, keuchend, verschwitzt, bis sich unser Atem beruhigt hatte. Dann stand sie auf, zog sich an, als wäre nichts geschehen.
„Das bleibt unter uns“, sagte sie, während sie ihre Bluse zuknöpfte. „Verstanden?“
„Ja.“
Sie nahm die Karteikarte vom Regal, steckte sie in ihre Tasche. „Es gibt noch mehr davon. Vielleicht finden Sie ja noch eine.“
Dann war sie weg, und ich stand allein da, im Archivraum, mit dem Geruch von Papier und Sex in der Luft.
Ich wusste, dass das nicht das letzte Mal gewesen war. Es fühlte sich an wie jene Geschichten von verbotenen Begegnungen nach Feierabend, die man sich erzählte, aber nie für wahr hielt. Und doch war es real gewesen – so real wie der blaue Fleck, den ihre Zähne auf meiner Schulter hinterlassen hatten.
Als ich später an meinem Schreibtisch saß, fiel mein Blick auf ein neues Buch, das jemand dort abgelegt hatte. Ein Post-it klebte darauf: „Katalogisieren. Archivraum. Morgen nach Schließung.“
Mein Herz machte einen Sprung.
Ich zog die Schublade auf, um einen Stift zu holen, und fand dort eine weitere Karteikarte. Cremefarbenes Papier, vergilbt an den Rändern. Diesmal stand darauf: „Nächste Lektion: Geduld.“
Ich lehnte mich zurück, und ein Lächeln schlich sich auf mein Gesicht. Die Arbeit in dieser Bibliothek war plötzlich um einiges interessanter geworden.
Am nächsten Morgen kam sie nicht ins Büro. Nur eine E-Mail: „Lennart, bringen Sie die Karteikarten zurück ins Archiv. Alle. Heute. – M.V.“
Alle? Ich hatte nur zwei gesehen. Aber vielleicht war das ja der Punkt. Vielleicht sollte ich suchen. Vielleicht war das Teil des Spiels.
Ich verbrachte den Tag damit, jeden Winkel des Archivraums zu durchforsten. Zwischen alten Lexika, hinter verstaubten Kartons, in den hintersten Ecken der Regale. Und tatsächlich – ich fand sie. Fünf weitere Karten, jede mit einer neuen Anweisung. Manche eindeutig, manche rätselhaft.
„Bring nichts mit außer Mut.“
„Stell keine Fragen.“
„Gehorche ohne zu zögern.“
Als ich die letzte Karte in der Hand hielt, spürte ich ihre Anwesenheit hinter mir. Ich hatte sie nicht kommen hören.
„Gut gemacht“, sagte Mira leise. „Jetzt verstehen Sie, wie das hier funktioniert.“
Ich drehte mich um. Sie trug das gleiche Outfit wie gestern, aber heute wirkte sie entspannter, fast verspielt.
„Das ist mehr als nur ein Job, nicht wahr?“ Ich hörte mich selbst sprechen, aber die Worte fühlten sich fremd an.
„Viel mehr.“ Sie nahm mir die Karten aus der Hand, legte sie ordentlich aufeinander. „Willkommen in der Sammlung, Lennart. Den wahren Sammlungen.“ Ihre Lippen streiften mein Ohr. „Und jetzt zeig mir, was du gelernt hast.“
Diesmal zögerte ich nicht. Ich packte sie, drehte sie herum, presste sie gegen das Regal. Sie lachte leise, genoss es offensichtlich.

„Besser“, murmelte sie. „Viel besser.“
Und während ich mich in ihr verlor, zwischen Büchern und Geheimnissen, wusste ich, dass ich hier gefunden hatte, wonach ich nicht einmal gesucht hatte. Etwas, das mich verändern würde. Etwas, das ich nie wieder loslassen wollte.
Die Karteikarten lagen vergessen auf dem Boden, aber ihre Botschaft hatte ich verstanden: Manche Geschichten schreibt man nicht – man lebt sie.
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Ich bin eine leidenschaftliche Geschichtenerzählerin und Wortakrobatin. Meine Reise als Autorin begann in meiner Kindheit, umgeben von Büchern und inspiriert von den unzähligen Welten, die sie enthüllten. Meine Werke sind ein Spiegelbild meiner Fantasie – eine Mischung aus Realität und Traumwelt, in der die Charaktere zum Leben erwachen und Leser auf eine emotionale Achterbahn mitnehmen.