Die Muschel liegt zwischen meinen Fingern wie ein Versprechen. Perlmutt schimmert rosa, die Innenseite glatt und kühl. Raúl hat sie gefunden, zwischen Tang und Treibholz, und mir wortlos in die Hand gelegt. Seine Augen dabei – dunkel, verspielt, voller Andeutungen.
„Weißt du, was die alten Griechen über Muscheln sagten?“ Seine Stimme mischt sich ins Meeresrauschen.
„Erzähl’s mir.“
„Dass sie das Geheimnis der Lust bewahren. Form und Öffnung, verstehst du?“
Ich verstehe. Natürlich verstehe ich. Mein Gesicht wird warm, obwohl die Abendbrise kühler wird. Wir sind allein hier am Strand, weit genug vom Hauptabschnitt entfernt. Die letzten Strandtücher wurden vor einer Stunde eingepackt, die Touristen zurück in ihren Hotels. Nur wir beide, das Meer und dieser unverschämt schöne Sonnenuntergang.
Raúl setzt sich neben mich, seine nackten Beine streifen meine. Wir sind seit drei Monaten zusammen. Drei Monate voller dieser Momente – überraschend, unkonventionell, immer am Rand des Erwartbaren. Er ist Künstler, arbeitet mit Treibholz und Fundstücken. Ich bin Übersetzerin, lebe von Worten und ihrer Präzision. Wir könnten nicht unterschiedlicher sein, aber genau das macht es so verdammt aufregend.
„Zeig mir“, sage ich und halte ihm die Muschel hin.
Er nimmt sie, dreht sie im schwindenden Licht. Seine Finger folgen der Spirale, langsam, konzentriert. „Siehst du? Die Natur macht keine zufälligen Formen. Alles hat einen Sinn. Diese Öffnung hier, die Rillen innen, die Glätte…“
Seine Fingerspitze fährt über das Innere der Schale, und ich spüre es wie auf meiner eigenen Haut. Verdammt.

„Du machst das absichtlich“, murmle ich.
„Was denn?“ Unschuldiger Blick, aber sein Mundwinkel zuckt.
„Du weißt genau, was.“
Er lacht leise, stellt die Muschel in den Sand zwischen uns. Das Wasser kommt näher, jede Welle klettert ein Stück höher den Strand hinauf. Bald werden wir nasse Füße bekommen. Der Gedanke gefällt mir – das Meer, das uns erreicht, das uns einbezieht in seinen Rhythmus.
„Darf ich dich was fragen?“ Raúl schaut aufs Wasser hinaus.
„Klar.“
„Hast du je… am Strand?“
Mein Herz macht einen kleinen Sprung. „Nein. Nie. Du?“
„Einmal. Vor Jahren. Es war…“ Er zögert, sucht nach Worten. „Magisch. Wie Teil der Landschaft zu werden, verstehst du? Nicht nur dabei zu sein, sondern dazuzugehören.“
Die Art, wie er es sagt – ohne Prahlerei, ohne Angeberei – macht mich neugierig. Und noch etwas anderes. Hitze breitet sich in meinem Bauch aus, wandert tiefer.
„Wir sind ganz allein hier“, sage ich. Meine Stimme klingt ruhiger als ich mich fühle.
„Ja.“
„Und es wird dunkel.“
„Stimmt.“
Eine Welle erreicht unsere Füße, kalt und schockierend. Wir zucken beide zusammen, dann lachen wir. Die Spannung bricht – aber nur für einen Moment. Dann ist sie wieder da, dichter als zuvor.
Raúl nimmt die Muschel wieder auf, betrachtet sie nachdenklich. „Darf ich dir etwas zeigen?“
„Was?“
„Ein Spiel. Etwas Verspieltes.“
Ich nicke, unfähig zu sprechen.
Er rutscht näher, bis seine Schulter meine berührt. „Schließ die Augen.“
Ich gehorche. Sofort werden alle anderen Sinne schärfer. Das Rauschen des Meeres, rhythmisch und beruhigend. Der Salzgeschmack auf meinen Lippen. Der Sand unter meinen Handflächen, noch warm von der Sonne.
Dann spüre ich die Muschel auf meinem Arm. Raúl zieht sie langsam über meine Haut, von der Schulter abwärts. Die glatte Innenseite streicht über mich, kühl und seidig. Gänsehaut folgt der Berührung.
„Spürst du das?“, flüstert er.
„Ja.“
Die Muschel wandert weiter, über meinen Ellenbogen, den Unterarm entlang bis zu meinem Handgelenk. Dort verweilt sie, die Kante ganz sanft gegen meinen Puls gedrückt. Als würde er meinen Herzschlag durch die Schale hindurch fühlen.
„Jetzt das andere Meer“, sagt er leise.
Ich verstehe nicht sofort. Dann spüre ich seine Zunge, warm und feucht, die den gleichen Weg nimmt. Von der Schulter abwärts, langsam, spielerisch. Seine Zunge folgt exakt der Route der Muschel. Der Kontrast – erst die kühle Glätte, dann die feuchte Wärme – ist atemberaubend.

Mein Atem stockt.
„Gefällt dir das?“, murmelt er gegen meine Haut.
„Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr.“
Die nächste Welle erreicht uns, umspült unsere Beine bis zu den Knien. Das Wasser ist kälter jetzt, die Sonne fast verschwunden. Aber ich spüre keine Kälte mehr, nur noch Raúls Berührungen, die Muschel und seine Lippen, die sich abwechseln.
„Leg dich hin“, flüstert er.
Ich öffne die Augen. Sein Gesicht ist ganz nah, seine Pupillen geweitet. Ich lege mich zurück in den Sand, der sich sofort an meine Form anpasst. Der Himmel über mir leuchtet in Violett und Rosa, die letzten Spuren des Tages.
Raúl kniet neben mir. Die Muschel in seiner Hand fängt das letzte Licht ein. Dann setzt er sie auf meinen Bauch, direkt über dem Bauchnabel. Die Kühle lässt mich zusammenzucken.
„Muschel“, sagt er leise, „und dann die Brandung.“
Seine Zunge folgt wieder, warm und nass, zeichnet Kreise um meinen Nabel. Das salzige Meerwasser an seinen Lippen mischt sich mit meinem eigenen Salzgeschmack. Ich schließe die Augen wieder, verliere mich im Rhythmus seiner Bewegungen.
Die Muschel wandert höher, über meinen Brustkorb. Durch den dünnen Stoff meines Tops spüre ich jede Wölbung, jede Kante. Dann seine Zunge, die den Stoff durchnässt, ihn an meine Haut presst. Meine Brustwarzen verhärten sich sofort.
„Raúl…“ Sein Name ist kaum mehr als ein Atemzug.
„Sag mir, wenn es zu viel wird.“
„Es ist perfekt.“
Eine größere Welle erreicht uns, schwappt über meine Seiten. Kalt, schockierend, herrlich. Das Meerwasser mischt sich mit Raúls Speichel auf meiner Haut, salzig und warm und kühl zugleich. Ich bin benetzt von beiden Meeren – dem vor uns und dem aus seinem Mund.
Die Muschel gleitet weiter nach unten, über meinen Bauch, die Hüften. Raúl schiebt meinen Rock höher, entblößt meine Oberschenkel. Die Muschel streicht über die sensible Innenseite, langsam, quälend langsam. Dann seine Zunge, die der Spur folgt, die inneren Oberschenkel hinauf.
„Oh Gott“, flüstere ich.
„Wir gehören jetzt zum Strand“, murmelt er gegen meine Haut. „Teil der Landschaft. Teil des Abends.“
Er hat recht. Ich fühle mich nicht mehr wie eine Person, die am Strand liegt. Ich bin der Strand. Das Wasser, das uns umspielt. Der Sand unter mir. Die Luft über mir. Alles verschwimmt zu einem Gefühl.
Die Muschel berührt den Stoff meiner Unterwäsche, zieht eine Linie nach, die genau dort verläuft, wo ich es am meisten brauche. Ich hebe die Hüften unwillkürlich, suche mehr Druck.
„Geduld“, flüstert Raúl. „Das Meer nimmt sich Zeit.“
Seine Zunge folgt wieder, leckt über den dünnen Stoff. Die Nässe seiner Zunge und die Nässe meines Körpers verschmelzen. Ich kann nicht mehr unterscheiden, was von ihm kommt und was von mir. Meine Finger graben sich in den Sand.
Dann schiebt er den Stoff beiseite. Die Muschel berührt mich direkt, die glatte Innenseite streicht über meine Klitoris. Das Gefühl ist so intensiv, dass ich aufschreie – aber das Meeresrauschen schluckt den Laut.

„Wie fühlst du dich?“, fragt er, die Stimme heiser.
„Wie eine Göttin. Wie aus einer dieser alten Geschichten, die aus dem Schaum geboren werden.“
Er lacht leise, bewegt die Muschel in kleinen Kreisen. Dann ersetzt seine Zunge die Schale, warm und geschickt. Er leckt mich mit derselben Hingabe, mit der das Meer den Sand leckt – geduldig, rhythmisch, unaufhörlich.
Eine Welle erreicht uns, größer als die vorherigen. Das Wasser schwappt über meinen Bauch, meine Brüste. Raúl hebt den Kopf nicht, macht einfach weiter, während das Meerwasser über uns beide fließt. Die Kombination – seine heiße Zunge und das kalte Wasser – treibt mich an den Rand.
„Ich komme gleich“, warne ich ihn.
Seine Antwort ist ein tiefes Brummen gegen meine Haut. Die Vibration gibt mir den Rest. Der Orgasmus bricht über mich herein wie die Wellen über den Strand – unaufhaltsam, überwältigend, naturgewaltig. Ich wölbe mich ihm entgegen, meine Hände in seinem Haar, und lasse mich treiben.
Als ich wieder zu mir komme, liegt Raúl neben mir. Seine Hand ruht auf meinem Bauch, sanft und besitzergreifend zugleich. Das Meer hat sich zurückgezogen – Ebbe. Der Himmel ist dunkelblau geworden, die ersten Sterne erscheinen.
„Wow“, bringe ich hervor.
„Ja?“
„Das war… ich hab keine Worte. Und ich lebe von Worten.“
Er küsst meine Schulter. „Manchmal sind die besten Momente die ohne Worte.“
Ich drehe mich zu ihm, nehme sein Gesicht in meine Hände. „Jetzt bist du dran.“
„Hier?“
„Hier.“ Ich schiebe ihn sanft auf den Rücken, klettere über ihn. „Das Meer nimmt sich Zeit, richtig? Dann lass mich dir zeigen, wie geduldig ich sein kann.“

Seine Augen weiten sich, dann lächelt er – dieses Lächeln, das mich von Anfang an verrückt gemacht hat. Verspielt und hungrig zugleich.
Ich finde die Muschel im Sand neben uns, immer noch feucht vom Meer und von mir. Langsam ziehe ich seinen Reißverschluss herunter, befreie ihn. Er ist schon hart, die Spitze glänzt im Sternenlicht.
„Muschel und Brandung“, flüstere ich und setze die kühle Schale an seiner Basis an.
Sein Atem stockt. Ich ziehe die Muschel langsam nach oben, über die empfindliche Unterseite, bis zur Spitze. Dann folgt meine Zunge dem gleichen Weg, lecke ihn von unten nach oben, nehme jeden Zentimeter in mich auf.
„Jesus, Catalina…“
„Das Meer nimmt sich Zeit“, erinnere ich ihn mit einem Lächeln.
Ich wiederhole das Spiel – Muschel, dann Zunge. Muschel, dann Zunge. Jedes Mal ein bisschen langsamer, ein bisschen gründlicher. Raúls Hände liegen im Sand, die Finger verkrampft. Er versucht, still zu liegen, aber ich sehe, wie seine Muskeln zucken, wie er sich zusammenreißen muss.
Dann nehme ich ihn ganz in meinen Mund, tief, während ich die Muschel gegen seine Hoden drücke. Die Kombination aus warm und kühl, weich und hart, bringt ihn an den Rand. Ich spüre es an der Art, wie er sich versteift, wie sein Atem schneller wird.
„Cat, ich kann nicht mehr…“
Ich lasse ihn los, schaue zu ihm hoch. „Dann komm. Wie die Wellen.“
Ich nehme ihn wieder in meinen Mund und in diesem Moment kommt eine weitere Welle, umspült uns beide. Das kalte Wasser auf seiner heißen Haut – das reicht. Er kommt mit einem erstickten Laut, und ich schlucke, schmecke Salz auf Salz, Meer auf Meer.
Danach liegen wir nebeneinander, durchnässt und sandig und vollkommen zufrieden. Das Wasser hat uns beide markiert, getauft in etwas, das größer ist als wir.
„Wir sollten zurück“, sage ich irgendwann. „Bevor die Flut kommt.“
„Noch eine Minute.“
Raúl findet die Muschel, die zwischen uns im Sand liegt. Er legt sie in meine Hand, schließt meine Finger darum.
„Ein Souvenir“, sagt er. „Für die beste Strandnacht meines Lebens.“
„Unseres Lebens“, korrigiere ich und küsse ihn, lange und tief, während das Meer um uns herum pulsiert wie ein zweites Herz.

Als wir endlich aufstehen, sandig und salzverkrustet und glücklich, weiß ich: Diese Muschel wird für immer auf meinem Nachttisch liegen. Ein Rosa-Perlmutt-Versprechen, dass die besten Momente die sind, die wir nicht planen. Die sich einfach ereignen, zwischen Wellen und Sand, wenn zwei Menschen beschließen, Teil der Landschaft zu werden.
„Nächstes Mal“, flüstert Raúl, während wir barfuß zurück zum Auto laufen, „bringe ich Seesterne mit.“
„Und was macht man damit?“
Sein Grinsen ist eine Verheißung. „Warte es ab.“
Ich kann es kaum erwarten.
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Ich bin eine leidenschaftliche Geschichtenerzählerin und Wortakrobatin. Meine Reise als Autorin begann in meiner Kindheit, umgeben von Büchern und inspiriert von den unzähligen Welten, die sie enthüllten. Meine Werke sind ein Spiegelbild meiner Fantasie – eine Mischung aus Realität und Traumwelt, in der die Charaktere zum Leben erwachen und Leser auf eine emotionale Achterbahn mitnehmen.