Der Hochsitz riecht nach feuchtem Holz und den letzten warmen Tagen vor dem Winter. Ich sitze hier oben seit einer halben Stunde, die Büchse ungeladen neben mir, und tue so, als würde ich auf Wild warten. Aber eigentlich warte ich auf Marlieke.
Sie hatte mir gestern Abend geschrieben. Nur drei Worte: „Morgen. Alter Ort.“
Acht Jahre ist das her. Acht Jahre, seit wir uns das letzte Mal hier getroffen haben. Damals war sie noch mit diesem Anwalt aus der Stadt zusammen, diesem aufgeblasenen Typen, der nie verstanden hat, warum sie ihre Wochenenden lieber im Wald verbrachte als auf irgendwelchen Charity-Events. Und ich? Ich war der Freund aus Jugendtagen, der zufällig das Nachbarrevier gepachtet hatte.
Zufällig.
Das Laub raschelt unten am Hang. Zu schwer für ein Reh. Zu zielstrebig für einen Dachs.
Dann sehe ich sie zwischen den Buchen. Ihre Haare sind kürzer jetzt, fallen ihr nur noch bis zu den Schultern, aber sie bewegt sich noch genauso – diese Mischung aus Entschlossenheit und Anmut, die mich damals schon wahnsinnig gemacht hat. Sie trägt eine dunkelgrüne Wachsjacke und hohe Gummistiefel. Praktisch. Unauffällig. Perfekt.

„Du bist noch da“, sagt sie, als sie die Leiter hochsteigt. Keine Frage, nur eine Feststellung.
„Hab den Pachtvertrag verlängert.“
Sie lächelt. „Das meine ich nicht.“
Oben angekommen, lehnt sie sich gegen das Geländer und mustert mich. Ihr Blick ist weicher geworden, aber immer noch dieser direkte, der mich immer das Gefühl gab, sie könnte direkt in mich hineinsehen.
„Acht Jahre“, sage ich.
„Acht Jahre“, wiederholt sie. „Robert und ich sind seit drei Jahren geschieden.“
„Das tut mir leid.“
„Mir nicht.“ Sie zieht ihre Handschuhe aus, steckt sie in die Jackentasche. „Er hat eine Jüngere geheiratet. Eine Assistentin. Wie originell.“
Ich schweige. Was soll ich dazu auch sagen?
„Ich hab oft an dich gedacht“, sagt sie dann. Leiser. „An uns. An damals.“
„Ich auch.“
Sie kommt näher, setzt sich neben mich auf die schmale Bank. Der Hochsitz ist eigentlich nur für eine Person gedacht, aber wir kennen das ja schon. Ihre Schulter berührt meine.
„Erinnerst du dich an das letzte Mal?“, fragt sie.
Wie könnte ich nicht? Es war Ende Oktober, genau wie jetzt. Die Sonne stand tief, tauchte alles in dieses goldene Licht. Wir hatten hier oben gesessen, sie zwischen meinen Beinen, meinen Rücken gegen die Rückwand gepresst. Ihre Hose hatte noch an einem Knöchel gehangen, als sie gekommen war.
„Ich erinnere mich.“
Ihre Hand liegt plötzlich auf meinem Oberschenkel. Leicht. Fast beiläufig.
„Ich hab das vermisst“, sagt sie. „Diese Einfachheit. Diese… Klarheit.“
„Mit Robert war es nicht einfach?“
Sie lacht kurz auf. „Mit Robert war alles kompliziert. Alles musste geplant sein, perfekt inszeniert. Sogar der Sex war wie eine Inszenierung.“ Ihre Finger wandern höher. „Das hier war nie so. Das hier war echt.“
Ich drehe mich zu ihr. Ihr Gesicht ist nur Zentimeter von meinem entfernt.
„Warum bist du hier, Marlieke?“
„Weil ich wissen wollte, ob es noch da ist.“ Ihre Stimme ist ein Flüstern. „Ob ich es mir nur eingebildet hab.“
„Und?“
Statt zu antworten, küsst sie mich. Erst sanft, fast fragend, dann fordernder. Ihre Lippen schmecken nach Kaffee und nach Herbst und nach all den verlorenen Jahren. Ich ziehe sie näher, meine Hand in ihrem Nacken, ihre Finger krallen sich in meine Jacke.

Als wir uns lösen, atmet sie schnell.
„Es ist noch da“, flüstere ich.
Sie lächelt, aber es ist ein trauriges Lächeln. „Er hat mich betrogen, weißt du. Nicht nur am Ende. Die ganze Zeit. Und das Schlimmste war nicht mal das Fremdgehen. Es war, dass ich mich dabei fühlte, als wäre ich nicht genug. Nie genug.“
Ich nehme ihr Gesicht in beide Hände. „Du bist genug. Du warst immer genug.“
„Zeig es mir.“
Die Worte hängen zwischen uns, schwer von Bedeutung. Ich weiß, was sie meint. Was sie will. Was wir beide wollen.
Ich öffne ihre Jacke, Knopf für Knopf. Darunter trägt sie einen dünnen Rollkragenpullover. Die Haut an ihrem Hals ist warm, als ich sie küsse. Sie seufzt leise, legt den Kopf in den Nacken.
„Wie damals“, murmelt sie. „Genau wie damals.“
Aber es ist nicht genau wie damals. Wir sind älter jetzt, unsere Bewegungen bewusster, weniger gehetzt. Als hätten wir verstanden, dass manche Momente es wert sind, ausgekostet zu werden. Vielleicht erinnerte es mich an andere Begegnungen im Herbstwald, die ebenso intensiv gewesen waren.
Ich schiebe den Pullover hoch, küsse ihren Bauch, die weiche Haut über ihrem Hosenbund. Sie fährt mit den Fingern durch meine Haare, nicht fordernd, nur… da. Präsent.
„Ich hab darüber nachgedacht“, sagt sie, während ich den Knopf ihrer Hose öffne, „was ich tun würde, wenn ich dich wiedersehe.“
„Und?“
„Ich wollte cool bleiben. Erwachsen. Vielleicht auf einen Kaffee gehen.“
„Aber?“
„Aber dann hab ich dich gesehen, und alles, woran ich denken konnte, war, wie es sich anfühlt, wenn du mich berührst.“
Ihre Hose gleitet nach unten. Sie trägt dunkelblaue Unterwäsche, praktisch und trotzdem schön. Ich küsse die Innenseite ihrer Oberschenkel, langsam, nehme mir Zeit. Sie zittert leicht.

„Bitte“, flüstert sie.
Ich ziehe ihr die Unterwäsche aus, und sie ist schon feucht. Bereit. Ich küsse sie dort, langsam, genussvoll, und sie stöhnt auf, ihre Hand krallt sich in meine Schulter.
„Gott, ich hab das vermisst“, keucht sie. „So sehr vermisst.“
Ich nehme mir Zeit. Jede Berührung bewusst, jede Bewegung darauf ausgelegt, sie zu spüren, zu schmecken, zu erleben. Sie schmeckt salzig und süß zugleich, und ihre kleinen Laute treiben mich fast in den Wahnsinn.
Als sie kommt, ist es ein leises Beben, das ihren ganzen Körper erfasst. Keine theatralischen Schreie, keine Inszenierung – nur ehrliches, pures Vergnügen. Sie sinkt gegen mich, atmet schwer.
„Ich bin noch nicht fertig mit dir“, murmelt sie nach einer Weile.
Sie dreht sich um, kniet vor mir, öffnet meine Hose mit geschickten Fingern. Als sie mich in den Mund nimmt, schließe ich die Augen. Ihre Zunge spielt mit mir, erkundet, erinnert sich. Es gibt Momente, die man nicht vergisst, und das war so einer – ähnlich intensiv wie jene Begegnung zwischen den Bäumen, von der ich mal gelesen hatte.
Dann richtet sie sich auf, zieht ihren Pullover aus, den BH hinterher. Ihre Brüste sind kleiner geworden, straffer. Der Körper einer Frau, die läuft, wandert, lebt.
„Ich will dich spüren“, sagt sie. „Richtig spüren.“
Sie setzt sich auf mich, langsam, und wir beide stöhnen auf, als ich in sie gleite. Sie ist eng und warm und perfekt. Einen Moment lang bewegen wir uns nicht, genießen nur diese Verbindung.
Dann beginnt sie sich zu bewegen. Langsam erst, fast meditativ. Ihre Augen sind geschlossen, ihre Lippen leicht geöffnet. Ich halte ihre Hüften, führe sie sanft, und sie findet ihren Rhythmus.
„Schau mich an“, sage ich.
Sie öffnet die Augen. Ihr Blick ist klar, intensiv, vollkommen präsent.
„Du bist schön“, sage ich. „So unglaublich schön.“
Tränen steigen ihr in die Augen, aber sie lächelt. „Sag das noch mal.“
„Du bist schön. Perfekt. Genug.“
Sie bewegt sich schneller jetzt, ihre Atmung wird flacher. Ich spüre, wie sie sich zusammenzieht, wie die Spannung steigt.

„Komm mit mir“, flüstert sie. „Bitte.“
Und ich tue es. Wir kommen fast gleichzeitig, unsere Körper verkrampfen sich, halten einander fest, als würden wir ertrinken und uns gegenseitig retten. Ihr Stöhnen mischt sich mit meinem, unsere Atemzüge verschmelzen.
Danach bleiben wir einfach so sitzen, ineinander verschränkt, während die Herbstsonne tiefer sinkt und lange Schatten durch den Wald wirft.
„Ich sollte gehen“, sagt sie irgendwann, aber sie bewegt sich nicht.
„Solltest du?“
„Nein.“ Sie küsst meinen Hals. „Eigentlich nicht.“
„Bleib dann.“
„Nur heute?“
Ich streiche ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „So lange du willst.“
Sie lächelt, und diesmal ist es kein trauriges Lächeln mehr. „Vielleicht bleibe ich eine Weile.“
Wir ziehen uns langsam wieder an, helfen einander mit Knöpfen und Reißverschlüssen. Es fühlt sich intim an, vertraut. Als wir die Leiter hinuntersteigen, hält sie meine Hand.
Am Waldrand dreht sie sich noch einmal um, blickt zurück zum Hochsitz.
„Weißt du“, sagt sie, „ich glaube, manche Orte vergessen nicht. Manche Verbindungen auch nicht.“
„Nein“, sage ich. „Die vergessen nicht.“
Und als wir durch das raschelnde Laub zurück zu meinem Wagen gehen, weiß ich, dass das hier kein Abschied ist. Nicht diesmal. Diesmal ist es ein Anfang – oder vielleicht die Fortsetzung von etwas, das nie wirklich aufgehört hat. Die Art von romantischer Verbindung, die man in der Stadt nie finden würde, nur hier, zwischen den Bäumen, wo die Dinge noch echt sind.
Später, in meiner kleinen Waldhütte, liegen wir auf dem Sofa vor dem Ofen. Sie trägt mein Flanellhemd, ich nur eine Jogginghose. Das Feuer knistert leise.

„Denkst du, er wusste es?“, fragt sie plötzlich. „Robert. Dass da immer noch etwas war zwischen uns?“
„Vielleicht.“
„Würde es dich stören? Wenn er es gewusst hätte?“
Ich denke darüber nach. Über all die Jahre, die vergangen sind. Über die Entscheidungen, die wir getroffen haben. Darüber, wie sich das anfühlt, was wir hier haben – diese Mischung aus verbotener Intimität und tiefer Verbundenheit.
„Nein“, sage ich schließlich. „Ich glaube nicht.“
Sie kuschelt sich enger an mich. „Gut. Denn ich will nicht mehr lügen. Nicht mehr vortäuschen.“
„Musst du nicht.“
Draußen wird es dunkel. Im Wald ruft ein Kauz. Und hier drinnen, im warmen Licht des Feuers, halten wir einander fest und wissen: Manchmal muss man erst alles verlieren, um zu finden, was man wirklich braucht.
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Ich bin eine leidenschaftliche Geschichtenerzählerin und Wortakrobatin. Meine Reise als Autorin begann in meiner Kindheit, umgeben von Büchern und inspiriert von den unzähligen Welten, die sie enthüllten. Meine Werke sind ein Spiegelbild meiner Fantasie – eine Mischung aus Realität und Traumwelt, in der die Charaktere zum Leben erwachen und Leser auf eine emotionale Achterbahn mitnehmen.