Der Cocktailschirm drehte sich langsam zwischen meinen Fingern, während ich auf Thariq wartete. Die Hotelbar war fast leer – nur ein älteres Paar in der Ecke, vertieft in ihre Zeitung und ihren Gin Tonic. Durch die bodentiefen Fenster sah ich die Lichter der Stadt flackern, aber mein Blick kehrte immer wieder zur Eingangstür zurück.
Wir hatten uns vor drei Wochen auf einer Geschäftskonferenz kennengelernt. Eigentlich war ich nur hier, um meinem Chef einen Gefallen zu tun – eine langweilige Präsentation über Cloud-Lösungen. Dann stand Thariq plötzlich neben mir an der Kaffeemaschine, duftend nach Sandelholz und frisch gewaschener Baumwolle.
„Die wird nie durchlaufen“, hatte er gesagt und auf die Maschine gedeutet. Seine Stimme war tief, mit einem Akzent, den ich nicht einordnen konnte.
„Dann haben wir wohl beide Pech“, antwortete ich.
Er lächelte. „Oder wir gehen nach draußen und holen uns einen richtigen Kaffee.“
Ich hätte Nein sagen sollen. Ich war in einer Beziehung – naja, irgendwie. Florian und ich lebten seit zwei Jahren zusammen, aber es fühlte sich eher an wie eine Wohngemeinschaft mit gelegentlichem Sex. Der Sex war auch nicht mehr das, was er mal war. Routine. Immer samstags. Immer im gleichen Bett.
Aber mit Thariq… das war anders. Schon beim ersten Kaffee spürte ich diese Elektrizität zwischen uns. Die Art, wie er mich ansah – nicht nur mein Gesicht, sondern tiefer, als würde er lesen wollen, was hinter meinen Worten lag.
Jetzt saß ich hier, drei Wochen später, in einem Hotel am anderen Ende der Stadt. Niemand wusste, wo ich war. Florian dachte, ich würde bei einem Freund übernachten. Die Lüge kam mir so leicht über die Lippen, dass es mich selbst erschreckte.
Die Tür ging auf und mein Herz machte einen Sprung. Thariq trug ein dunkles Hemd, die Ärmel hochgekrempelt. Seine Unterarme waren gebräunt, mit feinen schwarzen Härchen bedeckt. Er entdeckte mich sofort und dieser Blick – Gott, dieser Blick ließ alles in mir zusammenziehen.

„Du bist früh“, sagte er, als er sich neben mich setzte. Nicht gegenüber. Neben mich. Sein Oberschenkel berührte meinen.
„Ich war nervös“, gab ich zu.
„Ich auch.“ Seine Hand legte sich auf mein Knie, warm durch den dünnen Stoff meiner Jeans. „Möchtest du noch was trinken oder…“
„Lass uns hochgehen.“
Im Aufzug standen wir stumm nebeneinander. Ich beobachtete die Zahlen über der Tür – 3, 4, 5 – während mein Puls sich beschleunigte. Thariq stand so nah, dass ich seinen Atem hören konnte. Bei der Sieben drehte er sich zu mir.
„Wenn du das nicht willst—“
Ich küsste ihn. Einfach so. Presste meinen Mund auf seinen, meine Hände in sein Haar. Er schmeckte nach Minze und etwas Herbem, vielleicht Whisky. Der Aufzug hielt mit einem sanften Ruck, aber wir lösten uns nicht voneinander. Erst als die Türen sich wieder zu schließen begannen, trat er zurück und zog mich am Handgelenk mit sich.

Sein Zimmer lag am Ende des Flurs. Die Hände zitterten ihm, als er die Karte durch den Schlitz zog. Einmal, zweimal – das verdammte Schloss blinkte rot. Beim dritten Mal sprang es auf.
Kaum war die Tür hinter uns geschlossen, hatte er mich gegen die Wand gedrückt. Sein Mund wanderte meinen Hals hinunter, während seine Hände unter mein Shirt fuhren. Ich keuchte auf, krallte mich an seinen Schultern fest.
„Ich hab so lange daran gedacht“, murmelte er gegen meine Haut. „Jeden verdammten Tag.“
„Ich auch“, flüsterte ich zurück. „Nachts, wenn Florian neben mir liegt—“
„Sprich jetzt nicht über ihn.“ Thariq löste sich von mir, hielt mein Gesicht zwischen seinen Händen. „Hier gibt es nur uns. Okay?“
Ich nickte. Er hatte recht. Das hier war unsere Welt, getrennt vom Rest. Ähnlich wie diese Affäre, von der mir mein Freund Miko mal erzählt hatte – diese absolute Abgeschiedenheit, in der moralische Grenzen verschwammen.
Wir stolperten zum Bett, verloren dabei Kleidungsstücke wie Brotkrumen. Sein Hemd, mein Shirt, seine Schuhe. Als wir aufs Bett fielen, trug ich nur noch meine Boxershorts, er seine Jeans. Die Beule darin war nicht zu übersehen.
„Du bist so schön“, sagte er und strich mit dem Daumen über meine Lippen. „Deine Lippen… ich träume von deinen Lippen.“
Ich öffnete den Mund, saugte seinen Daumen hinein. Seine Pupillen weiteten sich. Mit der freien Hand öffnete er seinen Gürtel, den Knopf seiner Jeans. Ich half ihm, schob den Stoff über seine Hüften. Darunter trug er schwarze Boxershorts, die kaum etwas verbargen.
„Warte“, sagte er plötzlich und setzte sich auf. „Ich will… darf ich dich erst anfassen? Einfach nur… erkunden?“
Die Frage war so intim, so verletzlich, dass mir die Luft wegblieb. Ich nickte.
Thariq nahm sich Zeit. Seine Hände glitten über meinen Brustkorb, fuhren die Konturen meiner Rippen nach. Er beugte sich vor, küsste die empfindliche Haut an meinem Schlüsselbein. Seine Zunge zeichnete eine Linie zu meiner Brustwarze, umkreiste sie, bis ich das Laken unter mir verkrampfte.

„Verdammt“, stöhnte ich.
„Gefällt dir das?“ Seine Stimme war rau.
„Ja, Gott, ja.“
Er wanderte tiefer, küsste meinen Bauch, die Linie, wo meine Boxershorts begannen. Dann zog er sie langsam nach unten. Ich hob die Hüften, half ihm. Die Luft im Zimmer fühlte sich kühl an auf meiner Haut, aber sein Atem war heiß.
„Du bist perfekt“, murmelte er und umfasste mich. Sein Griff war fest, sicher. Er bewegte seine Hand langsam, hielt meinen Blick dabei. Ich konnte nirgendwo anders hinsehen – nur in diese dunklen Augen, die mich verschlangen.
Dann senkte er seinen Kopf.
Der erste Kontakt seiner Lippen ließ mich aufstöhnen. Warm, feucht, unfassbar gut. Er nahm sich Zeit, erkundete mich mit seiner Zunge, als wäre es das Wichtigste der Welt. Meine Hand fuhr in sein Haar, nicht drängend, nur haltend.
„Thariq… Scheiße…“
Er löste sich kurz, grinste hoch zu mir. „Gut?“
„Mehr als gut.“
Er lachte leise, dann widmete er sich wieder seiner Aufgabe. Diesmal intensiver, tiefer. Ich spürte, wie die Spannung in mir aufbaute, wie jeder Nerv in meinem Körper lebendig wurde. Das war nicht wie mit Florian – das war etwas völlig anderes. Das war Leidenschaft, die ich so lange vermisst hatte.
„Ich will dich auch schmecken“, keuchte ich.
Thariq hielt inne, sah mich fragend an. Dann lächelte er. „Gleichzeitig?“
Wir arrangierten uns auf dem Bett, Körper in entgegengesetzte Richtungen. Als ich ihn endlich in meinem Mund hatte – hart, samtig, nach Haut und Salz schmeckend – stöhnte er auf. Die Vibration seiner Stimme übertrug sich auf mich, und ich musste mich konzentrieren, um nicht sofort zu kommen.
Wir fanden einen Rhythmus. Seine Hüften bewegten sich sanft, während ich versuchte, ihm das gleiche Vergnügen zu bereiten, das er mir schenkte. Meine Hand umfasste, was nicht in meinen Mund passte, bewegte sich im Takt.
„Ich komme bald“, warnte er nach einiger Zeit, die Stimme angespannt.
„Ich auch.“
„Zusammen?“ Es klang wie eine Frage, aber auch wie ein Versprechen.
Ich konnte nicht antworten, also drückte ich seine Hüfte, hoffte, dass er es als Ja verstand. Er intensivierte seine Bewegungen, und ich spürte, wie die Welle in mir anschwoll, unaufhaltsam wurde.
Als es mich überrollte, war es, als würde ich aus meinem Körper geschleudert. Ich hörte Thariq stöhnen, fühlte seine Muskeln sich spannen. Wir kamen gleichzeitig, verloren uns beide in diesem Moment absoluter Hingabe.

Danach lagen wir nebeneinander, atmeten schwer. Das Laken unter uns war zerknittert, feucht an manchen Stellen. Thariq drehte sich zu mir, strich mir die verschwitzten Haare aus der Stirn.
„Das war…“
„Ja“, sagte ich einfach.
Er lächelte, küsste mich. Diesmal langsam, zärtlich. Ich schmeckte uns beide auf seinen Lippen.
„Musst du heute noch zurück?“ fragte er nach einer Weile.
„Theoretisch schon. Aber…“
„Bleib.“ Seine Hand legte sich auf meine Brust, direkt über mein Herz. „Bleib die Nacht. Lass uns… mehr Zeit haben.“
Ich dachte an Florian, an die Wohnung, an das Leben, das auf mich wartete. Dann dachte ich an das Gefühl, das ich gerade hatte – lebendig, gewollt, gesehen. Es war ähnlich wie das, was ich in jener Geschichte gelesen hatte, von jemandem, der zwischen zwei Welten stand.
„Okay“, flüsterte ich. „Ich bleibe.“
Wir duschten zusammen, später. Das Wasser war heiß, der Dampf dicht. Thariq wusch mir den Rücken, seine Hände sanft aber bestimmt. Als ich mich umdrehte, sah ich in seinen Augen etwas, das mich erschreckte – nicht wegen seiner Intensität, sondern weil ich es erwiderte.
„Was machen wir hier eigentlich?“ fragte ich.
„Etwas Falsches, das sich richtig anfühlt.“
„Das ist keine Antwort.“
„Ich weiß.“ Er zog mich an sich, seine nasse Haut gegen meine. „Aber es ist alles, was ich gerade habe.“
Später, im Bett, mit dem Hotelleintuch über unseren Hüften, erzählte er mir von seinem Leben. Von seiner Familie in Marokko, die nicht wusste, wer er wirklich war. Von den Jahren, in denen er versuchte, jemand anderes zu sein. Von der Einsamkeit, die ihn jeden Tag begleitete.
„Und dann habe ich dich getroffen“, sagte er leise. „An dieser beschissenen Kaffeemaschine.“
„Ich hab auch jemanden“, erinnerte ich ihn. „Florian.“
„Liebst du ihn?“
Die Frage hing schwer zwischen uns. Ich überlegte lange, bevor ich antwortete.
„Ich glaube, ich habe ihn mal geliebt. Aber jetzt… jetzt ist es mehr Gewohnheit. Bequemlichkeit.“
„Das ist keine Grundlage.“
„Nein.“ Ich drehte mich zu ihm. „Und was ist das hier? Zwischen uns?“
Thariq schwieg lange. Dann küsste er meine Stirn. „Das ist vielleicht das Echteste, was ich je hatte.“
Ich schlief in seinen Armen ein, zum Geräusch seines Atems. Als ich mitten in der Nacht aufwachte, spürte ich seine Lippen an meinem Nacken, seine Hand auf meiner Hüfte. Wir liebten uns noch einmal, diesmal langsamer, inniger. Jede Bewegung ein Versprechen, jeder Kuss ein Geständnis.
Am Morgen, als das erste Licht durch die Vorhänge fiel, wusste ich, dass sich etwas verändert hatte. Nicht nur in mir, sondern in meinem ganzen Leben. Ich konnte nicht mehr zurück zu Florian und so tun, als wäre nichts gewesen. Das hier – Thariq, diese Nacht, diese Gefühle – hatte alles aufgebrochen.
„Was denkst du?“ murmelte er verschlafen.
„Dass ich eine Entscheidung treffen muss.“
Er nickte, sagte aber nichts. Er musste auch nicht. Wir beide wussten, dass dieser Moment nur der Anfang war – von was auch immer das hier zwischen uns war. Vielleicht etwas Romantisches, vielleicht nur eine intensive Phase, die vorbeigehen würde.
Aber als ich seine Hand nahm und unsere Finger sich verschränkten, fühlte es sich an wie mehr. Es fühlte sich an wie eine Chance.

Und die würde ich nicht einfach wegwerfen.
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Ich bin eine leidenschaftliche Geschichtenerzählerin und Wortakrobatin. Meine Reise als Autorin begann in meiner Kindheit, umgeben von Büchern und inspiriert von den unzähligen Welten, die sie enthüllten. Meine Werke sind ein Spiegelbild meiner Fantasie – eine Mischung aus Realität und Traumwelt, in der die Charaktere zum Leben erwachen und Leser auf eine emotionale Achterbahn mitnehmen.