Das war mein zweites Semester in ihrem Seminar, und ich hätte längst zu einem anderen Dozenten wechseln sollen. Aber Mareika Linnstrom machte es mir unmöglich. Nicht weil sie so brillant lehrte – obwohl sie das durchaus tat. Sondern weil sie mich längst durchschaut hatte.
„Theron, wir sehen uns morgen um achtzehn Uhr im Buchcafé Seitenreich“, hatte sie nach der Vorlesung gesagt. Keine Frage, keine Bitte. Eine Anweisung.
Jetzt stand ich vor dem Laden in der Altstadt und versuchte, meine Nervosität zu unterdrücken. Durch die beschlagenen Scheiben erkannte ich ihr dunkles Haar, akkurat zu einem Knoten gesteckt. Sie saß bereits an einem Tisch in der hintersten Ecke, zwischen hohen Regalen voller antiquarischer Bücher.
Die Glocke über der Tür klingelte, als ich eintrat. Der Duft von Kaffee und altem Papier umfing mich. Mareika blickte nicht auf. Sie las in einem Buch, die Leselampe neben ihr tauchte ihre Gesichtszüge in warmes Licht.
„Setz dich“, sagte sie ohne hochzusehen.
Ich gehorchte. Mein Herz hämmerte. Zwischen uns auf dem Tisch lag ein kleines Gerät, nicht größer als eine Fernbedienung. Schwarz, glatt, mit einem einzigen Schieberegler.
„Weißt du, was das ist?“ Ihre Augen trafen meine. Grau wie Wintermorgen, unergründlich.
Ich schüttelte den Kopf.
„Das ist eine modifizierte Lichtsteuerung. Prototyp aus dem Institut für kognitive Verhaltensforschung. Experimentell.“ Sie ließ den Satz in der Luft hängen. „Sie reguliert nicht nur das Licht dieser Lampe. Sie misst auch biometrische Daten. Herzschlag, Hauttemperatur, Pupillenerweiterung.“
„Ich verstehe nicht—“
„Du verstehst genau.“ Ihre Stimme wurde eine Spur tiefer. „Du reagierst auf mich, Theron. Schon seit Wochen. Ich sehe es in deiner Körpersprache, in der Art, wie du mich ansiehst, wenn du glaubst, ich würde es nicht bemerken.“
Hitze schoss mir ins Gesicht.
„Dieses Gerät wird uns beide mit dieser Lampe verbinden. Ein Biofeedback-Loop. Wenn deine Erregung steigt, wird das Licht schwächer. Wenn du dich kontrollieren kannst, bleibt es hell.“ Sie lehnte sich zurück. „Interessantes Experiment, findest du nicht?“
Mein Mund war trocken. „Und wenn ich nein sage?“
Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. „Dann gehst du jetzt. Aber wir beide wissen, dass du das nicht tun wirst.“
Sie hatte recht. Verdammt, sie hatte recht.
„Gut.“ Mareika stand auf, kam zu mir herüber. Aus ihrer Tasche zog sie ein kleines Pflaster – einen biometrischen Sensor, wie ich jetzt erkannte. Ihre Finger waren kühl, als sie es an meinem Hals anbrachte, direkt über der Halsschlagader. „Das wird interessant.“
Sie aktivierte das Gerät. Die Leselampe flackerte kurz, dann leuchtete sie gleichmäßig weiter. Aber ich spürte bereits die Veränderung. Ein feines Kribbeln an der Stelle, wo der Sensor meine Haut berührte.
„Die Bedingungen sind einfach“, sagte Mareika und setzte sich wieder. „Wir unterhalten uns. Ganz normal. Aber du wirst mir gehorchen. Jede Anweisung, die ich gebe, führst du aus. Wenn du zu erregt wirst, geht das Licht aus – und dann hören wir auf.“ Sie lehnte sich vor. „Verstanden?“
„Ja.“
„Ja, was?“
„Ja, Mareika.“
„Besser.“ Ihre Hand glitt über den Tisch, ihre Fingerspitzen berührten meine. Die Lampe flackerte. „Siehst du? Schon jetzt. Du bist so empfänglich.“
Ich versuchte, ruhig zu atmen. Um uns herum waren noch drei andere Gäste im Café, alle in ihre Bücher oder Laptops vertieft. Niemand achtete auf uns.
„Erzähl mir“, begann Mareika, „wann hast du zum ersten Mal an mich gedacht? Ich meine richtig gedacht. Nachts, allein.“
Mein Puls beschleunigte sich. Das Licht wurde schwächer.
„Nach der dritten Vorlesung“, gab ich zu. „Sie trugen diesen anthrazitfarbenen Blazer. Und Sie hatten Ihre Haare offen.“
„Und was hast du dir vorgestellt?“
Die Lampe dimnte weiter.
„Ich… Ihre Hände. Wie sie—“
„Weiter.“
„Wie sie mich anfassen würden. Bestimmen würden. Wie Sie mir sagen würden, was ich zu tun habe.“
Das Licht war jetzt auf halber Stärke. Mareika lächelte. „Gut. Sehr gut. Du bist ehrlich. Das gefällt mir.“ Sie stand auf, trat hinter meinen Stuhl. Ihre Hände legten sich auf meine Schultern. „Aber du musst lernen, dich zu beherrschen. Sonst ist das Spiel zu schnell vorbei.“
Ihre Finger massierten leicht meinen Nacken. Es war Folter. Die Lampe flackerte gefährlich.
„Atme“, befahl sie. „Konzentriere dich auf deine Atmung.“
Ich gehorchte. Langsam, tief. Das Licht stabilisierte sich, wurde minimal heller.
„Siehst du? Du kannst es.“ Sie kehrte zu ihrem Platz zurück. „Jetzt machst du deinen Gürtel auf.“
Ich erstarrte. „Hier?“
„Hier. Unter dem Tisch. Niemand sieht es. Tu es.“
Mit zitternden Fingern öffnete ich die Schnalle. Das Geräusch schien ohrenbetäubend laut. Das Licht sank wieder.
„Gut. Und jetzt öffne deine Hose. Langsam.“
Ich tat es. Der Reißverschluss. Die Lampe war jetzt nur noch ein schwaches Glühen. Mein Atem ging schneller.
„Theron.“ Ihre Stimme wurde schärfer. „Beherrschung. Oder wir hören sofort auf.“
Ich schloss die Augen, konzentrierte mich. Stellte mir etwas Langweiliges vor – Vorlesungsnotizen, Literaturlisten. Es half. Das Licht erholte sich ein wenig.
„Besser.“ Mareika stand auf, nahm ihre Handtasche. „Komm mit. Zu den Regalen hinten.“
Ich folgte ihr in den hintersten Winkel des Cafés, wo die Regale am dichtesten standen. Hier war es noch dunkler, intimer. Die Leselampe an unserem Tisch leuchtete von weitem, ein Indikator meiner Kontrolle.
„Knie dich hin.“
Ich sank auf die Knie. Der Holzboden war hart und kühl. Mareika stellte sich vor mich, hob einen Fuß und setzte ihn auf ein niedriges Regal. Ihr Rock rutschte nach oben. Sie trug schwarze Strümpfe mit Naht.
„Küss meinen Fuß.“
Ich beugte mich vor, presste meine Lippen auf ihren Schuh. Leder, glatt und kühl. Das Licht draußen erlosch fast völlig.
„Nein, nein.“ Ihre Hand war in meinem Haar. „Beruhige dich. Oder das war’s.“
Ich atmete durch die Nase, versuchte verzweifelt, mich zu sammeln. Dachte an die Disziplin, die in solchen Momenten zwischen Regalen nötig war, wenn die Kontrolle alles bedeutete.
„Jetzt höher. Mein Knöchel.“
Meine Lippen wanderten nach oben, über den feinen Stoff ihrer Strümpfe. Ich spürte ihre Wärme durch das Material. Die Lampe stabilisierte sich bei etwa dreißig Prozent.
„Sehr gut. Du lernst schnell.“ Sie zog ihren Fuß zurück, ließ ihren Rock wieder fallen. „Zurück zum Tisch. Aber erst machst du deine Hose wieder zu.“
Als wir uns wieder setzten, bemerkte ich, dass einer der anderen Gäste gegangen war. Nur noch zwei waren da, beide völlig in ihre Bildschirme vertieft.
„Jetzt“, sagte Mareika und lehnte sich zurück, „wirst du machen, was ich dir sage. Und du wirst dabei so ruhig bleiben, dass das Licht nicht ausgeht. Verstanden?“
„Ja.“
„Fass dich an. Über dem Stoff.“
Meine Hand glitt unter den Tisch. Die Berührung war elektrisch. Das Licht begann sofort zu schwächer zu werden.
„Langsam“, befahl sie. „Ganz langsam. Und sieh mich an.“
Ihre Augen hielten mich gefangen. Grau und gnadenlos. Ich bewegte meine Hand kaum merklich. Es war Wahnsinn. Wir saßen in einem öffentlichen Café, und ich—
„Stopp.“
Ich erstarrte.
„Hände auf den Tisch.“
Ich gehorchte. Das Licht stabilisierte sich wieder.
„Du machst das gut“, sagte sie. „Für einen Anfänger. Aber ich glaube, du brauchst eine intensivere Lektion.“ Sie griff nach ihrer Handtasche, zog etwas heraus. Ein kleiner, matter Vibrator. „Kennst du so etwas?“
Mein Herz setzte aus. „Mareika, ich—“
„Das ist nicht für dich.“ Ihr Lächeln war rätselhaft. „Das ist für mich. Aber du wirst es kontrollieren.“ Sie legte ein zweites Gerät auf den Tisch. Eine Fernbedienung. „Über dein Handy. Die App ist bereits installiert – ich habe dir den Link geschickt.“
Mit zitternden Fingern öffnete ich mein Handy. Tatsächlich, da war die Nachricht. Ich klickte auf den Link. Eine schlichte Oberfläche erschien. Ein Schieberegler. Stufe eins bis zehn.
„Ich gehe jetzt zur Toilette“, sagte Mareika leise. „Wenn ich zurückkomme, setze ich mich wieder hierhin. Und dann wirst du es anschalten. Stufe drei. Nicht mehr, nicht weniger. Und während ich versuche, mich zu beherrschen, wirst du zusehen. Verstanden?“
„Ja.“
Sie stand auf, strich ihren Rock glatt und verschwand Richtung Toiletten. Ich saß da, das Handy in der Hand, und konnte kaum glauben, was gerade geschah. Das hier überstieg alles, was ich mir je vorgestellt hatte. Es erinnerte mich an jene Geschichten von Kontrolle und Hingabe in öffentlichen Räumen, die ich heimlich gelesen hatte.
Als Mareika zurückkam, wirkte sie völlig gelassen. Sie setzte sich, schlug ihr Buch wieder auf, als wäre nichts. Aber ich sah das leichte Flackern in ihren Augen.
„Jetzt“, flüsterte sie.
Ich schob den Regler auf Stufe drei.
Ihre Reaktion war minimal – ein kurzes Einatmen, ein Zucken ihrer Lippen. Aber ich sah es. Die Leselampe begann zu flackern, und ich begriff: Sie war jetzt auch mit dem Gerät verbunden. Ihre Erregung würde das Licht genauso beeinflussen wie meine.
„Du darfst es verändern“, sagte sie leise, ihre Stimme nur eine Spur weniger kontrolliert. „Nach deinem Ermessen. Aber wenn das Licht ausgeht, verlieren wir beide.“
Es war ein perveses Spiel. Ich schob den Regler auf vier. Ihre Hand umklammerte den Tisch. Das Licht sank auf zwanzig Prozent.
„Zu viel“, hauchte sie. „Runter.“
Ich reduzierte auf zwei. Sie atmete aus. Das Licht erholte sich.
„Gut. Du… du lernst.“ Ihre Wangen hatten Farbe bekommen. „Jetzt halte es auf drei. Und rede mit mir. Lenk mich ab.“
„Worüber?“
„Egal. Erzähl mir von deiner Hausarbeit. Von deinen Semesterplänen. Irgendwas Langweiliges.“
Ich begann zu reden, über meine Recherchen zu spätviktorianischer Literatur, über die Schwierigkeiten, Primärquellen zu finden. Währenddessen behielt ich den Regler auf drei. Mareika saß da, äußerlich ruhig, aber ich sah, wie ihre Finger sich in den Buchrand gruben, wie ihre Atmung tiefer wurde.
„Höher“, flüsterte sie plötzlich.
„Was?“
„Vier. Mach es auf vier.“
Ich tat es. Ihre Augen schlossen sich für einen Moment. Das Licht sank gefährlich.
„Mareika—“
„Weiter. Erzähl weiter.“
Ich redete, aber ich wusste nicht mal mehr, was ich sagte. Alles in mir war auf sie konzentriert, auf das Zittern ihrer Lippen, auf die Art, wie sie sich ganz leicht auf dem Stuhl bewegte.
„Fünf“, keuchte sie.
Das Licht war jetzt bei zehn Prozent. Fast aus.
„Das ist zu riskant—“
„Tu es.“
Ich schob den Regler hoch. Und sah, wie sie die Beherrschung verlor. Ihre Hand schoss vor, umfasste die meine. Ihre Fingernägel gruben sich in meine Haut. Das Licht flackerte wild, wurde fast schwarz – und dann atmete sie tief aus, entspannte sich mit sichtbarer Anstrengung.
Das Licht stabilisierte sich bei fünf Prozent.
„Aus“, flüsterte sie. „Mach es aus.“
Ich schob den Regler auf null.
Für einen langen Moment saßen wir einfach da, beide zitternd, beide am Rand. Das Licht erholte sich langsam.
„Du“, sagte Mareika schließlich, ihre Stimme rau, „bist ein sehr guter Schüler.“
„Und Sie“, antwortete ich, „sind eine strenge Lehrerin.“
Sie lachte leise. „Das hast du noch nicht erlebt. Das hier war nur der Anfang.“ Sie lehnte sich zurück, und in ihren Augen lag etwas Neues. Respekt vielleicht. Oder Vorfreude. „Nächste Woche“, sagte sie, „werden wir das wiederholen. Aber dann woanders. Irgendwo mit weniger Publikum. Und mehr Möglichkeiten.“
„Wo?“
„Das erfährst du rechtzeitig.“ Sie stand auf, packte ihre Sachen zusammen. Der biometrische Sensor an meinem Hals piepte leise, dann löste er sich ab – seine Aufgabe war erfüllt. „Aber vorher hast du eine Aufgabe.“
„Welche?“
„Du wirst nicht an mich denken. Du wirst nicht über heute nachdenken. Und du wirst dir auf keinen Fall Erleichterung verschaffen. Eine ganze Woche lang.“ Sie beugte sich herunter, ihre Lippen streiften mein Ohr. „Ich will, dass du brennst, wenn wir uns wiedersehen.“
Dann war sie weg. Einfach so. Die Glocke klingelte, die Tür fiel zu, und ich saß allein da in dem schwachen Licht der Leselampe.
Eine Woche.
Ich würde sie nicht überleben.
Aber ich würde es versuchen. Für sie. Weil ich jetzt verstand, dass dies nicht nur ein Spiel war. Es war eine Lektion. Über Kontrolle, über Hingabe, über die feinen Grenzen zwischen Macht und Vertrauen. Ähnlich wie jene verbotenen Momente zwischen Lehrerin und Schüler, die man nie vergisst.
Ich zahlte, verließ das Café. Draußen war es inzwischen dunkel geworden. Die Straßen der Altstadt waren beinahe leer. Irgendwo spielte jemand Klavier, die Töne trieben durch die kalte Luft.
Auf meinem Handy leuchtete eine neue Nachricht von Mareika.
„Gut gemacht heute. Du hast das Potenzial, weit zu kommen. Aber nur wenn du lernst, dich wirklich hinzugeben. Nächsten Mittwoch. 20 Uhr. Die Adresse folgt. Und denk daran: keine Erleichterung. Ich werde es wissen.“
Ich steckte das Handy weg und ging durch die Nacht nach Hause. Mein Körper vibrierte noch immer, meine Gedanken rasten. Eine Woche. Sieben Tage. Es würde die längste Woche meines Lebens werden.
Aber ich würde es durchhalten. Für das Versprechen dessen, was noch kommen würde. Für das Wissen, dass Mareika Linnstrom mich auserwählt hatte. Für diese Mischung aus Kontrolle und Unterwerfung, die mich längst in ihren Bann gezogen hatte.
Und während ich durch die dunklen Straßen lief, fragte ich mich, ob sie wohl jetzt gerade auch an mich dachte. Ob sie in ihrer Wohnung saß und sich erlaubte, was sie mir verboten hatte. Oder ob sie genauso diszipliniert war, wie sie von mir verlangte.
Ich würde es herausfinden. Nächsten Mittwoch. An einem Ort mit weniger Publikum und mehr Möglichkeiten.
Bis dahin musste ich nur durchhalten. Und brennen. Immer weiter brennen.
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Ich bin eine leidenschaftliche Geschichtenerzählerin und Wortakrobatin. Meine Reise als Autorin begann in meiner Kindheit, umgeben von Büchern und inspiriert von den unzähligen Welten, die sie enthüllten. Meine Werke sind ein Spiegelbild meiner Fantasie – eine Mischung aus Realität und Traumwelt, in der die Charaktere zum Leben erwachen und Leser auf eine emotionale Achterbahn mitnehmen.