Ich parke meinen Wagen am Waldrand, kurz vor der alten Eiche, die so aussieht, als würde sie seit hundert Jahren hier stehen und auf genau diesen Moment warten. Der Herbst hat sich durch den ganzen Wald gefressen, alles ist braun, golden, rot – und feucht vom Nieselregen, der sich seit Tagen durch die Tage zieht. Die Luft riecht nach Erde und verrottendem Laub. Eigentlich bin ich hier, um nach dem Rechten zu sehen. Die Firma hat mich losgeschickt, um zu kontrollieren, ob die Rückegasse für die Holzfäller befahrbar ist. Keine große Sache. Trotzdem hatte ich gehofft, alleine zu sein.
Dann sehe ich ihren Wagen. Silbergrau, kompakt, der Lack glänzt noch vom Regen. Mein Herz macht einen kleinen Sprung. Merete.
Wir sind Nachbarn, schon seit Jahren. Sie wohnt drei Häuser weiter, in einem dieser renovierten Altbauten, die alle gleich aussehen, aber irgendwie nicht. Bei ihr hängen im Sommer Geranien am Balkon, und im Winter brennt immer Licht im Wohnzimmer. Ich weiß das, weil ich manchmal abends vorbeilaufe. Nicht absichtlich. Sag ich mir zumindest.
Sie steigt gerade aus, als ich meinen Motor abstelle. Dunkelgrüne Jacke, eng anliegende Jeans, die ihre Figur betonen – nicht aufdringlich, aber unmöglich zu übersehen. Ihre Haare sind zu einem lockeren Zopf gebunden, ein paar Strähnen haben sich gelöst und kleben an ihrer Wange. Sie dreht sich um, sieht mich. Und lächelt.

„Valerian“, sagt sie, und mein Name klingt in ihrem Mund wie etwas, das sie schon tausendmal gedacht, aber selten ausgesprochen hat. „Was machst du denn hier?“
„Arbeit“, sage ich und steige aus. „Und du?“
„Spazieren. Nachdenken.“ Sie lehnt sich gegen die Motorhaube. „Ist das erlaubt?“
„Kommt drauf an, worüber.“ Die Worte rutschen mir raus, bevor ich nachdenken kann. Aber sie lacht nur, ein tiefes, warmes Lachen, das mir durch die Brust fährt.
„Über alles Mögliche“, sagt sie. „Über die Arbeit, über mein Leben. Darüber, dass ich heute Morgen im Bett gelegen und mir gewünscht habe, ich könnte einfach hier bleiben. Nur hier, im Wald.“
„Und warum bist du’s nicht?“
„Weil man das nicht tut“, sagt sie und zuckt die Achseln. „Man steht auf, geht zur Arbeit, spielt sein Spiel. Du kennst das.“
Ich kenne das. Zu gut.
„Willst du ein Stück mitlaufen?“, fragt sie, und ich nicke, ohne zu zögern. Die Rückegasse kann warten.
Wir gehen nebeneinander den Weg entlang, ein schmaler Pfad, der sich zwischen den Bäumen hindurchschlängelt. Unsere Schritte sind leise auf dem feuchten Laub, fast synchron. Ab und zu streift ihr Arm meinen, und jedes Mal spüre ich diesen kleinen elektrischen Schlag, der sich durch meine Haut zieht. Ich versuche, nicht zu viel darüber nachzudenken, aber das gelingt mir nicht besonders gut.
„Du bist selten hier draußen, oder?“, fragt sie nach einer Weile.
„Nicht oft genug“, gebe ich zu. „Aber wenn, dann gefällt’s mir.“
„Mir auch. Es ist ruhig hier. Man kann atmen.“
Sie bleibt stehen, schaut nach oben. Das Blätterdach über uns ist dicht, trotz des Herbstes, ein Gewirr aus Ästen und letzten Blättern, die sich an ihren Zweigen festklammern. Das Licht, das durchfällt, ist gedämpft, fast golden. Es legt sich auf ihr Gesicht, betont die Konturen ihrer Wangenknochen, die leichte Kurve ihrer Lippen.
„Schön, oder?“, sagt sie leise.
„Sehr.“
Aber ich schaue nicht nach oben. Ich schaue sie an.
Sie bemerkt es. Natürlich tut sie das. Ihre Augen treffen meine, und für einen Moment ist da etwas – eine Spannung, die so greifbar ist, dass ich sie fast anfassen könnte. Dann dreht sie sich um, geht weiter, und ich folge ihr.

Nach ein paar Minuten führt der Pfad zu einer kleinen Lichtung. Ein umgestürzter Baum liegt quer über den Boden, von Moos überzogen, der Stamm so dick, dass man bequem darauf sitzen könnte. Merete geht direkt darauf zu, lässt sich nieder, streckt ihre Beine aus. Ich setze mich neben sie, vorsichtig genug, um Abstand zu halten, aber nah genug, um ihre Wärme zu spüren.
„Ich mag diesen Ort“, sagt sie und sieht mich an. „Niemand kommt hier her. Es ist wie ein Geheimnis.“
„Dein Geheimnis?“
„Jetzt unseres.“
Das Wort hängt zwischen uns, schwer und bedeutungsvoll. Ich spüre, wie mein Herz schneller schlägt.
„Valerian“, sagt sie dann, und ihre Stimme ist anders jetzt, tiefer, rauer. „Warum bist du wirklich hier?“
„Ich hab’s dir gesagt. Arbeit.“
„Quatsch.“ Sie lächelt, aber es ist kein fröhliches Lächeln. Es ist wissentlich, fast herausfordernd. „Du hättest längst weitergehen können. Aber du bist hier. Bei mir.“
Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Also sage ich gar nichts.
Sie rutsch näher zu mir, so nah, dass unsere Oberschenkel sich berühren. Ihre Hand findet meine, legt sich darauf, warm und fest. „Ich hab dich beobachtet, weißt du. Schon lange.“ Ihre Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern. „Wie du abends vorbeiläufst. Wie du hochschaust zu meinem Fenster. Ich hab mich gefragt, ob du den Mut hast, irgendwann zu klopfen.“
„Ich wollte nicht aufdringlich sein.“
„Aufdringlich?“ Sie lacht leise. „Ich wünschte, du wärst es gewesen.“
Dann küsst sie mich.
Es ist kein zögerlicher Kuss, kein vorsichtiges Abtasten. Sie nimmt, was sie will, ihre Lippen fest auf meinen, ihre Zunge, die sich in meinen Mund schiebt, fordernd, ungeduldig. Ich erwidere den Kuss, meine Hand gleitet in ihren Nacken, zieht sie näher zu mir. Ihr Atem ist heiß, vermischt sich mit meinem, und ich spüre, wie jede Faser in meinem Körper zu brennen beginnt.

„Ich will dich“, sagt sie, als wir uns voneinander lösen, unsere Stirnen aneinander gelehnt. „Hier. Jetzt.“
Ich schlucke. Mein Verstand versucht noch, aufzuholen, aber mein Körper ist schon längst überzeugt. „Hier?“
„Genau hier.“ Sie schiebt mich sanft zurück, bis ich auf dem Baumstamm liege, und setzt sich auf mich, ihre Beine zu beiden Seiten meiner Hüften. Ihr Gewicht ist perfekt, warm und fest. Sie beugt sich vor, küsst mich wieder, diesmal langsamer, genussvoller. Ihre Hände wandern unter meine Jacke, ziehen mein Hemd aus der Hose, ihre Finger kalt auf meiner Haut, aber es fühlt sich gut an.
„Merete“, murmle ich gegen ihre Lippen.
„Still“, sagt sie, und in ihrer Stimme liegt eine Autorität, die keinen Widerspruch duldet. „Lass mich machen.“
Ich gehorche. Natürlich tue ich das.
Sie öffnet meinen Gürtel, zieht den Reißverschluss meiner Hose herunter, langsam, fast provokant. Ihre Augen bleiben dabei auf meinen, durchdringend, als würde sie jede meiner Regungen studieren. Dann schiebt sie die Hose ein Stück nach unten, gerade genug, um Zugang zu haben. Ihre Hand gleitet in meine Boxershorts, umschließt mich, und ich stoße unwillkürlich einen leisen Laut aus.
„Gefällt dir das?“, fragt sie, und das Lächeln auf ihren Lippen ist beinahe boshaft.
„Ja“, bringe ich heraus, und meine Stimme klingt rau, fremd.
„Gut.“ Sie drückt mich fest, bewegt ihre Hand langsam, genussvoll. „Ich will, dass du dich an diesen Moment erinnerst. Jedes Mal, wenn du mich siehst. Jedes Mal, wenn du an deinem Fenster stehst und zu mir hochschaust.“
Ich nicke, unfähig zu sprechen. Mein ganzer Körper ist angespannt, jede Berührung ihrer Hand sendet Wellen durch mich hindurch. Sie lässt mich los, nur um sich selbst zu entkleiden, ihre Jeans aufzuknöpfen und ein Stück herunterzuschieben. Darunter trägt sie schwarze Spitze, durchsichtig genug, um meine Fantasie anzuheizen, aber undurchsichtig genug, um mich verrückt zu machen.
Sie positioniert sich über mir, schiebt die Spitze zur Seite, und dann lässt sie sich langsam auf mich herab. Der erste Moment, in dem ich in sie gleite, ist überwältigend – warm, eng, perfekt. Sie stöhnt leise, ihr Kopf fällt nach hinten, ihre Hände stützen sich auf meiner Brust ab.
„Verdammt“, flüstere ich.
„Ja“, sagt sie, und ihre Stimme ist heiser. „Genau.“
Sie beginnt sich zu bewegen, langsam zuerst, fast gemächlich, als hätte sie alle Zeit der Welt. Jede Bewegung ist bedacht, gezielt, sie kostet jeden Moment aus. Ich lege meine Hände auf ihre Hüften, spüre, wie sie sich unter meinen Fingern bewegen, und versuche, das Tempo zu kontrollieren, aber sie schüttelt den Kopf.

„Nein“, sagt sie. „Ich bestimme.“
Also lasse ich sie. Ich liege da, lasse sie machen, was sie will, und es ist befriedigend auf eine Art, die ich nicht erklären kann. Wie sie die Kontrolle übernimmt, wie sie sich nimmt, was sie braucht – es ist erregend, berauschend. Ich beobachte, wie ihr Gesicht sich verändert, wie ihre Lippen sich öffnen, wie ihre Augen sich schließen. Sie ist wunderschön, und in diesem Moment gehört sie mir genauso, wie ich ihr gehöre.
Ihr Atem wird schneller, ihre Bewegungen intensiver. Sie beugt sich vor, ihre Lippen an meinem Ohr. „Komm nicht“, flüstert sie. „Noch nicht. Ich will, dass du wartest.“
Ich beiße die Zähne zusammen, versuche, mich zurückzuhalten, aber es ist fast unmöglich. Jede Bewegung, jedes Stöhnen, jedes Zucken ihres Körpers bringt mich näher an den Rand. Sie spürt es, natürlich tut sie das, und sie lächelt.
„Brav“, sagt sie, und dann bewegt sie sich schneller, härter, und ich spüre, wie sie sich um mich herum zusammenzieht, wie ihr Körper zittert. Sie kommt, laut und ungezügelt, und in diesem Moment gebe ich nach, lasse mich mitreißen, und alles explodiert.
Wir bleiben so liegen, verschwitzt und atemlos, ihr Körper auf meinem, die Welt um uns herum still und vergessen. Das Blätterdach über uns raschelt leise im Wind, ein paar Tropfen fallen auf uns herab, kalt und erfrischend.
„Das war…“, beginne ich, aber sie legt einen Finger auf meine Lippen.
„Ich weiß“, sagt sie. „Und es wird nicht das letzte Mal sein.“
Sie küsst mich noch einmal, sanft diesmal, fast zärtlich. Dann steht sie auf, zieht sich an, als wäre nichts geschehen. Ich tue dasselbe, immer noch benommen, immer noch unfähig, die richtigen Worte zu finden.
„Bis bald, Valerian“, sagt sie, und dann dreht sie sich um und geht den Weg zurück, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Ich bleibe stehen, schaue ihr nach, bis sie zwischen den Bäumen verschwindet. Mein Herz schlägt immer noch wild, meine Gedanken sind ein Durcheinander. Aber eins weiß ich sicher: Ich werde diesen Moment nicht vergessen. Nie.
Auf dem Rückweg zu meinem Wagen denke ich an die anderen Begegnungen am Arbeitsplatz, die ich erlebt habe – aber keine war so intensiv wie diese. Merete hat etwas an sich, das mich anzieht, das mich fesselt. Vielleicht ist es ihre Direktheit, ihre Art, zu nehmen, was sie will. Oder vielleicht ist es einfach sie.
Als ich endlich in meinem Wagen sitze und den Motor starte, sehe ich eine Nachricht auf meinem Handy. Von ihr.
„Nächstes Mal bei mir. Ich hab noch eine Forderung.“
Ich lächle, stecke das Handy weg und fahre los. Der Herbstwald verschwindet im Rückspiegel, aber das Gefühl bleibt. Und die Vorfreude darauf, was als Nächstes kommt. Diese Erfahrung war anders als jene Forderung im Unterholz, die ich einmal bei einer flüchtigen Begegnung erlebt hatte – diesmal war es persönlich, intensiv, echt.
Ich fahre durch die Stadt, vorbei an den vertrauten Straßen, und denke daran, wie oft ich schon an ihrem Haus vorbeigelaufen bin, immer mit diesem leisen Hoffen, sie zu sehen. Und jetzt ist alles anders. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Was zwischen uns begonnen hat, am Waldrand, unter dem Blätterdach, bei Nieselregen und feuchtem Laub – das ist erst der Anfang.
Zu Hause angekommen dusche ich lange, lasse das warme Wasser über meinen Körper laufen, und erinnere mich an jede Einzelheit. An ihre Hände, ihre Lippen, ihren Körper auf meinem. An die Art, wie sie die Kontrolle übernommen hat, wie sie mich gefordert und gleichzeitig erfüllt hat. Ich weiß, dass ich süchtig bin. Nach ihr. Nach diesem Gefühl.
Abends stehe ich am Fenster, schaue hinüber zu ihrem Haus. Das Licht brennt, wie immer. Aber diesmal weiß ich, dass sie auch an mich denkt. Dass sie dort drinnen sitzt und plant, was sie mit mir machen wird, wenn ich das nächste Mal zu ihr komme. Der Gedanke allein lässt mein Blut wieder in Wallung geraten.
Mein Handy vibriert erneut. Eine weitere Nachricht.
„Morgen. 20 Uhr. Sei pünktlich.“
Ich antworte nicht. Ich muss nicht. Wir beide wissen, dass ich kommen werde. Dass ich immer kommen werde, wenn sie ruft. Diese versaute Verbindung zwischen uns ist etwas, das ich nicht erklären kann – und auch nicht will. Manche Dinge sind besser, wenn man sie einfach erlebt, ohne sie zu hinterfragen.
Ich lege mich ins Bett, aber schlafen kann ich nicht. Meine Gedanken kreisen um sie, um den morgigen Abend, um das, was sie von mir fordern wird. Merete ist keine Frau, die halbe Sachen macht. Das habe ich heute gelernt. Und ich bin bereit, alles zu geben, was sie verlangt.
Der Wald, das Blätterdach, der umgestürzte Baumstamm – all das wird für immer in meiner Erinnerung bleiben. Aber es ist nur der Anfang unserer Geschichte. Einer Geschichte, die mit einer reifen Frau beginnt, die genau weiß, was sie will, und einem Mann, der bereit ist, sich ihr hinzugeben. Völlig. Bedingungslos.
Und während ich so daliege, die Augen geschlossen, ein Lächeln auf den Lippen, weiß ich: Morgen wird alles noch intensiver werden. Noch persönlicher. Noch unvergesslicher.
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Ich bin eine leidenschaftliche Geschichtenerzählerin und Wortakrobatin. Meine Reise als Autorin begann in meiner Kindheit, umgeben von Büchern und inspiriert von den unzähligen Welten, die sie enthüllten. Meine Werke sind ein Spiegelbild meiner Fantasie – eine Mischung aus Realität und Traumwelt, in der die Charaktere zum Leben erwachen und Leser auf eine emotionale Achterbahn mitnehmen.