Ich hätte nie gedacht, dass eine Firmenjubiläumsfeier so enden würde. Aber Lorin hat mich schon immer durcheinandergebracht, seit dem Tag, als ich vor zwei Jahren in seiner Abteilung anfing. Heute Abend trug er diesen verdammten Anzug ohne Krawatte, das oberste Hemdknöpfchen offen, und ich wusste schon beim ersten Glas Prosecco, dass das gefährlich werden würde.
Die Party fand in einer dieser schicken Locations statt – hohe Decken, gedimmtes Licht, überall diese kleinen Stehtische mit weißen Tischdecken. Ich stand mit Kolleginnen zusammen und tat so, als würde ich dem Gespräch folgen, aber meine Augen suchten immer wieder ihn. Lorin. Mein Chef. Der Mann, der mir seit Monaten schlaflose Nächte bereitete.
Er stand drüben an der Bar, lachte mit einem der Abteilungsleiter, und dann drehte er sich um. Unsere Blicke trafen sich. Nur eine Sekunde, aber es reichte. Mein Herz machte diesen dummen Sprung, den es immer machte, wenn er mich ansah.
„Selina, noch was trinken?“ Meine Kollegin Jasmin wedelte mit ihrer leeren Sektflöte vor meinem Gesicht herum.
„Klar, warum nicht.“
Ich hatte schon drei Gläser intus, aber das war mir egal. An diesem Abend wollte ich nicht daran denken, dass es falsch war, was ich fühlte. Dass er mein Vorgesetzter war. Dass ich eine erwachsene Frau von siebenunddreißig war, die es eigentlich besser wissen sollte.
Eine halbe Stunde später stand ich allein auf der Dachterrasse. Die kühle Luft tat gut nach der stickigen Wärme drinnen. Ich lehnte mich ans Geländer, spürte den Wind in meinem Haar und versuchte, den Champagner in meinem Kopf ein bisschen zu vertreiben.

„Flüchtest du schon?“
Seine Stimme. Tief, ein bisschen rau vom Rauchen, das er sich nur heimlich gönnte.
Ich drehte mich nicht um. „Ich brauchte frische Luft.“
„Du trägst ein Kleid, das nicht nach frischer Luft schreit.“
Jetzt musste ich doch lächeln. Das dunkelrote Kleid war tatsächlich gewagt – kurz, eng, mit einem Ausschnitt, der gerade noch bürotauglich war. Aber eben nur gerade noch.
„Vielleicht wollte ich ja auffallen.“
Er trat neben mich. So nah, dass ich sein Aftershave riechen konnte. Etwas mit Sandelholz. Ich hatte schon oft daran gedacht, wie es wäre, mein Gesicht an seinem Hals zu vergraben.
„Das ist dir gelungen.“
Sein Ton war anders als sonst. Im Büro war er professionell, freundlich, aber distanziert. Jetzt klang er gefährlich.
„Lorin…“
„Ich weiß.“ Er sah geradeaus über die Dächer der Stadt. „Ich weiß, dass das eine schlechte Idee ist. Ich weiß, dass ich dein Chef bin. Ich weiß, dass du verheiratet bist.“
Das letzte Wort traf wie ein Schlag. Meine Ehe mit Philipp war seit Jahren eine Fassade. Wir lebten nebeneinander her, teilten uns das Haus, das Konto, manchmal das Bett. Aber Gefühle? Die waren längst erkaltet.
„Meine Ehe geht dich nichts an.“
„Stimmt.“ Er drehte sich zu mir. Im Licht der Terrassenlampen sah ich die Anspannung in seinem Gesicht. „Aber es hindert mich nicht daran, jeden verdammten Tag daran zu denken, wie es wäre, dich zu küssen.“
Mein Atem stockte. Wir hatten nie so geredet. Nie. Es gab Blicke, die zu lang waren. Berührungen, die zufällig schienen, es aber nicht waren. Aber Worte? Die hatte es nie gegeben.
„Sag was, Selina.“
Ich konnte nicht. Mein Mund war trocken. Mein Herz raste. Und dann tat ich das Dümmste, was ich tun konnte – ich trat einen Schritt näher.
Seine Augen wurden dunkler. „Wenn du das tust, dann gibt es kein Zurück mehr.“
„Gut.“
Er küsste mich, bevor ich das Wort ganz ausgesprochen hatte. Hart, fordernd, als hätte er Monate darauf gewartet. Seine Hand lag in meinem Nacken, die andere an meiner Hüfte, und ich schmolz einfach dahin. Alles, was ich in meinem Leben an Leidenschaft vermisst hatte, lag in diesem Kuss.

Ich presste mich gegen ihn, spürte seine Härte durch den Stoff unserer Kleidung, und ein Stöhnen entkam mir. Das schien ihn zu ermutigen. Seine Hand glitt meinen Rücken hinunter, über die Rundung meines Pos, und dann – dann war sie unter meinem Rock.
„Lorin, hier draußen…“
„Ist niemand.“ Seine Stimme war ein Knurren. „Die sind alle drinnen, betrunken und beschäftigt.“
Seine Finger schoben den Saum meines Kleides höher. Ich trug halterlose Strümpfe, und als er das spürte, fluchte er leise.
„Du tötest mich.“
„Dann sind wir quitt.“
Er lachte, aber es klang angespannt. Seine Hand wanderte höher, strich über die nackte Haut meines Oberschenkels, und ich hielt die Luft an. Das war Wahnsinn. Wir standen auf einer Dachterrasse, während fünfzig Meter weiter unsere Kollegen feierten. Aber es war mir egal.
Seine Finger erreichten den Rand meines Slips. Ich war schon nass, und ich wusste, dass er es spüren würde. Die Erkenntnis, dass er wusste, wie sehr er mich erregte, machte mich noch heißer.
„Bitte“, flüsterte ich.
„Bitte was?“
„Hör nicht auf.“
Er schob den Stoff zur Seite und fand mich. Ein Finger glitt in mich hinein, dann zwei, und ich musste mich am Geländer festhalten, um nicht zusammenzubrechen. Er bewegte sich langsam, fast quälend, während sein Daumen Kreise über meine Klitoris zog.
„Schau mich an“, befahl er.
Ich tat es. Seine Augen waren fast schwarz vor Verlangen, sein Atem ging so schnell wie meiner. Es war intensiv, überwältigend – und genau das, was ich brauchte. Was mich an jene Momente in verschwiegenen Türen erinnerte, wo Vernunft keine Rolle mehr spielte.

„Gefällt dir das?“
„Ja.“
„Sag es.“
„Ich liebe es. Ich liebe, was du mit mir machst.“
Er küsste mich wieder, härter, und steigerte das Tempo seiner Finger. Ich spürte, wie sich alles in mir zusammenzog, wie die Spannung wuchs. Noch ein bisschen, noch…
„Lorin!“
Ich kam so heftig, dass ich mich an seiner Schulter festkrallen musste, um nicht umzufallen. Wellen der Lust durchfluteten mich, und er hielt mich, streichelte mich durch den Orgasmus, flüsterte meinen Namen wie ein Gebet.
Als ich wieder atmen konnte, sah ich ihm in die Augen. „Das war…“
„Längst überfällig.“
Er zog seine Hand zurück, richtete meinen Rock, und die Zärtlichkeit dieser Geste traf mich härter als alles andere. Das hier war mehr als nur ein schneller Rausch auf einer Party. Das spürte ich.
„Und jetzt?“ Meine Stimme zitterte.
„Jetzt gehen wir wieder rein. Getrennt. Und tun so, als wäre nichts passiert.“ Er strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Aber morgen Abend – morgen kommst du zu mir. Und dann machen wir das richtig.“
„Lorin, ich kann nicht einfach…“
„Doch, kannst du. Willst du dein Leben so weiterführen wie bisher? In einer Ehe, die keine ist?“
Die Worte brannten, weil sie wahr waren. Ich dachte an Philipp, der wahrscheinlich schon schlief, ohne sich zu fragen, wo ich war. An die leere Wohnung, die kein Zuhause mehr war. An all die Jahre, in denen ich vergessen hatte, was Begehren bedeutete.
„Ich melde mich“, sagte ich schließlich.
„Das ist kein Nein.“
„Nein, ist es nicht.“
Er lächelte – dieses seltene, echte Lächeln, das seine Augen zum Leuchten brachte. Dann küsste er mich ein letztes Mal, sanft, fast zärtlich.
„Geh schon mal vor. Ich komme in fünf Minuten nach.“
Ich ging zurück in die Party auf wackeligen Beinen. Meine Kolleginnen fragten, wo ich gewesen war, und ich murmelte etwas von frischer Luft und zu viel Champagner. Niemand schien etwas zu merken.
Lorin kam tatsächlich fünf Minuten später. Er mischte sich unter die Gäste, lachte, plauderte, war der perfekte Gastgeber. Aber manchmal, wenn niemand hinsah, trafen sich unsere Blicke. Und in diesen Momenten war alles andere egal.
Die Erinnerung daran ließ mich an jene schwülen Blicke zwischen Aktenstapeln denken, die schon vorher das Büro aufgeheizt hatten. Aber das hier war anders. Das war real geworden.
Um Mitternacht verabschiedete ich mich. Jasmin wollte mich noch überreden zu bleiben, aber ich schüttelte den Kopf. Ich brauchte Zeit zum Nachdenken. Zeit, um zu begreifen, was gerade passiert war.
Zuhause war alles dunkel. Philipp schlief, wie vermutet. Ich zog mich aus, duschte, legte mich ins Bett. Aber schlafen konnte ich nicht. Immer wieder spürte ich Lorins Hände auf meiner Haut, hörte seine Stimme: Morgen kommst du zu mir.
Ich wusste, dass es falsch war. Ich wusste, dass es kompliziert werden würde. Dass es vielleicht mein Leben durcheinanderbringen würde. Aber zum ersten Mal seit Jahren fühlte ich mich lebendig. Zum ersten Mal seit Jahren wollte ich etwas, brannte dafür, war bereit, Risiken einzugehen.
Am nächsten Morgen wachte ich mit einem Kribbeln im Bauch auf. Ich sah aufs Handy. Eine Nachricht von Lorin: Heute Abend, 20 Uhr, meine Adresse schicke ich dir später. Komm.
Keine Frage, keine Bitte. Ein Befehl. Und mein Körper reagierte sofort darauf.
Ich verbrachte den Tag in einem Nebel aus Vorfreude und Nervosität. Philipp bemerkte natürlich nichts. Er frühstückte, murmelte etwas von einer Konferenz, verschwand ins Büro. Wie immer.
Um sieben Uhr abends begann ich, mich fertig zu machen. Ich duschte lange, cremte mich ein, wählte Unterwäsche aus schwarzer Spitze. Darüber zog ich ein schlichtes Kleid – elegant, aber mit einem Reißverschluss, der sich leicht öffnen ließ. Ich wollte nicht aussehen, als hätte ich mich zu sehr bemüht. Aber ich wollte auch, dass er sah, dass ich mir Mühe gegeben hatte.
Die Adresse führte mich in einen Altbau in der Innenstadt. Dritter Stock, keine Aufzug. Mein Herz hämmerte, als ich klingelte. Das riskante Spiel am Arbeitsplatz hatte längst eine neue Dimension erreicht.
Lorin öffnete. Jeans, graues T-Shirt, barfuß. Lässig und doch so sexy, dass mir kurz die Luft wegblieb.

„Komm rein.“
Seine Wohnung war überraschend gemütlich – warme Farben, Bücherregale, ein großes Sofa. Auf dem Couchtisch standen zwei Gläser und eine geöffnete Flasche Rotwein.
„Trinkst du?“
„Lieber nicht. Ich will einen klaren Kopf behalten.“
„Warum?“
„Weil ich mir merken will, was heute Nacht passiert.“
Er lächelte. „Dann komm her.“
Ich ging zu ihm, und er zog mich in seine Arme. Diesmal war der Kuss langsamer, tiefer. Wir hatten Zeit. Wir hatten die ganze Nacht.
„Ich will dich“, flüsterte er gegen meine Lippen. „Richtig. Komplett. Ohne Eile.“
„Dann nimm mich.“
Er führte mich ins Schlafzimmer. Das Bett war frisch bezogen, auf dem Nachttisch brannte eine Kerze. Er hatte sich vorbereitet. Und das rührte mich mehr, als ich zugeben wollte.
Was dann geschah, war keine wilde, verzweifelte Nummer wie auf der Dachterrasse. Es war langsam, intensiv, erfüllt von einer Zärtlichkeit, die ich fast vergessen hatte. Er küsste jeden Zentimeter meiner Haut, als wollte er eine Karte von mir zeichnen. Ich tat dasselbe – entdeckte die Narbe an seiner Schulter, die Leberflecke auf seinem Rücken, die Art, wie er reagierte, wenn ich ihn an bestimmten Stellen berührte.
Als er schließlich in mich eindrang, sahen wir uns in die Augen. Keine Worte. Nur Blicke, die mehr sagten als tausend Sätze. Es fühlte sich richtig an. So richtig, dass ich wusste: Das hier würde nicht enden. Das hier war der Anfang von etwas Großem, Gefährlichem, Unvermeidlichem.

Später lagen wir nebeneinander, verschwitzt und zufrieden. Seine Hand spielte mit meinen Haaren.
„Was machen wir jetzt?“, fragte ich in die Stille hinein.
„Wir nehmen uns, was wir wollen. So lange es geht.“
„Und wenn es rauskommt?“
„Dann stehen wir dazu.“
So einfach war es natürlich nicht. Aber in diesem Moment, in seinen Armen, in diesem Bett, das nach Sex und Neuanfang roch, wollte ich es glauben. Ich wollte glauben, dass eine Frau wie ich noch einmal neu anfangen konnte. Dass Leidenschaft keine Frage des Alters war, sondern des Mutes.
Und während Lorin mich wieder zu sich zog, mich küsste, als hätte er nie genug von mir bekommen können, wusste ich: Das hier war erst der Anfang. Eine Champagnerflasche, eine Dachterrasse, eine Hand unter meinem Rock – mehr hatte es nicht gebraucht, um mein Leben auf den Kopf zu stellen. Und ich bereute keine Sekunde davon.
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Ich bin eine leidenschaftliche Geschichtenerzählerin und Wortakrobatin. Meine Reise als Autorin begann in meiner Kindheit, umgeben von Büchern und inspiriert von den unzähligen Welten, die sie enthüllten. Meine Werke sind ein Spiegelbild meiner Fantasie – eine Mischung aus Realität und Traumwelt, in der die Charaktere zum Leben erwachen und Leser auf eine emotionale Achterbahn mitnehmen.